Misere in Gaza
Vorwärts in die Vergangenheit

Es gibt weder Strom noch Benzin, und auch die Lebensmittel reichen nicht aus – die Wut der Menschen im Gazastreifen über ihre miserablen Lebensbedingungen richtet sich schon lange nicht mehr nur gegen Israel, sondern auch gegen die eigene Regierung

GAZA-STADT. Der Mann ist zornig, er hat aber auch Angst. „Seht euch doch um, wir sind unter dem Regine der Hamas um Jahrzehnte zurückgeworfen worden“, schreit sich der 31-jährige Achmed seine Wut aus dem Bauch, wenn er sich unbeobachtet fühlt, und zeigt mit energischen Handbewegungen auf die vielen Esel und Pferde in Gaza-Stadt. Sie haben das Auto als Transportmittel abgelöst, seitdem es hier kaum Benzin mehr gibt. „Das Leben ist unerträglich geworden“, sagt Achmed.

Seinen vollen Namen möchte er aber nicht in der Zeitung lesen. Es sei gefährlich, etwas Kritisches über die Hamas und ihre Leute zu sagen – über den palästinensischen Premier Ismail Haniye und Mahmoud Zahar, den starken Mann der radikal-islamistischen Hamas in Gaza.

Achmed ärgert sich auch über sich selbst: „Eigentlich bin ich nicht religiös. Doch bei den letzten Wahlen habe ich Hamas gewählt.“ Von der gemäßigten Fatah-Partei und ihren korrupten Politikern habe er genug gehabt. „Jetzt bereue ich, der Hamas meine Stimme gegeben zu haben.“

So ergeht es sehr vielen der 1,6 Millionen Menschen, die im Gazastreifen leben. Die Region macht eine ihrer schlimmsten Krisen durch. Die israelische Regierung hat das Gebiet seit der Machtübernahme der Hamas vor knapp einem Jahr fast völlig abgeriegelt.

In Übereinstimmung mit dem internationalen Boykott, der seither in Kraft ist, lässt Israel nur gerade so viel Kraftstoff, Nahrungsmittel und medizinische Mittel nach Gaza wie nötig, um die Menschen am Leben zu erhalten. Aber nicht genug, um ihnen ein annehmbares Leben zu ermöglichen. Seit der Süden Israels aus dem Gazastreifen regelmäßig mit Raketen beschossen wird, hat Israel die Ausfuhr in diese Küstenregion noch weiter gedrosselt.

Die Krise erfasst alle Lebensbereiche. Ein ätzender Gestank durchdringt weite Teile von Gaza, weil in einem Dutzend Bezirken die Müllabfuhr nicht funktioniert. Die ökonomischen Sanktionen haben auch die Versorgung mit Wasser, Nahrungsmitteln, Strom und Kochgas auf ein absolutes Existenzminimum gedrückt.

Bäckereien haben den Betrieb eingestellt, weil es Strom nur wenige Stunden täglich gibt. In den Krankenhäusern geht der Dieselvorrat für die Generatoren zur Neige, wichtige Medikamente fehlen, unentbehrliche Apparaturen sind stillgelegt, weil Ersatzteile fehlen. „Wir haben keine Zeit und keine Lust mehr, uns um die Politik zu kümmern,“ sagt Achmed, „wir sind mit der Jagd auf das Elementarste voll beschäftigt.“

Der 31-Jährige arbeitet als Lehrer. Seit einigen Tagen kommt er mit seiner Eselskarre zur Schule. „Ich bin da noch privilegiert“, sagt er ohne Zynismus: „Viele können sich nicht einmal das Tierfutter leisten.“

Seinen Wagen lässt er seit zwei Wochen zu Hause stehen, weil die Tankstellen geschlossen sind. 90 Prozent der Autos stehen still. Die Nachfrage nach Arbeitstieren ist inzwischen so groß, dass deren Preise in den vergangenen Monaten in astronomische Höhen gestiegen sind.

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