Misstrauen zwischen Europäern und den USA verfestigt sich
Das Vertrauen bleibt erschüttert

Bereits vor einem Jahr, als der Krieg gegen den Irak begann, waren die Befürworter und Gegner des Waffengangs tief gespalten. Doch war die Behauptung nicht widerlegt, Saddam Husseins Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen oder stehe zumindest kurz davor, diese zu besitzen. Die USA und Großbritannien hatten diese These vertreten – und auch vor der Vollversammlung der Uno verteidigt. Es war dies eine der zentralen Begründungen für den Krieg im Irak.

BERLIN. Ein Jahr nach Kriegsbeginn und dem folgenden Sturz des Diktators hat sich der Verdacht gegen das Regime von Saddam Hussein nicht erhärtet. Bis heute wurden keine Beweise gefunden, dass Saddam über Massenvernichtungswaffen verfügte. Am Donnerstag äußerte auch Polens Präsident Aleksander Kwasniewski – ein Vertreter des „neuen Europa“ und enger Verbündeter der USA – seine Enttäuschung: Er fühle sich nicht wohl angesichts der Tatsache, „dass wir bei den Informationen über Massenvernichtungswaffen getäuscht wurden“, sagte er. Und auch unter den Ländern des Westens hat die Tatsache, dass die Behauptungen der Kriegsallianz nicht zutrafen, das Misstrauen erhöht.

Eine repräsentative Umfrage des Washingtoner Pew Research Centers bestätigt das: 82 % der befragten Franzosen, 69 % der Deutschen und 66 % der Türken gaben an, dass sie sich von den USA in der Frage der Massenvernichtungswaffen regelrecht belogen fühlten. In der Tendenz ähnlich wurde auch die Frage beantwortet, ob die USA bei ihren Entscheidungen die Belange anderer Länder berücksichtige. Mit Frankreich, der Türkei und Jordanien an der Spitze wurde hier klar mit „Nein“ geantwortet. Und selbst die Briten (61 %, nur knapp hinter Deutschland mit 69 %) bezichtigen in ihrer Mehrheit die USA des Unilateralismus. Im Ergebnis verlangen die befragten Europäer von ihren Regierungen mehr Unabhängigkeit gegenüber den USA. Diese Forderung gilt für alle europäischen Länder.

Der Irak-Krieg wirkt dabei wie ein Katalysator für all jene Themen, die bereits vor dem 11. September 2001 für Spannungen gesorgt hatten. Dies begann beim Umgang mit dem Umweltprotokoll von Kyoto, setzte sich mit der Debatte über die Akzeptanz des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag fort und gipfelte schließlich in der Frage, wie mit dem Terror umzugehen sei. Die Auslassung der Vereinten Nationen, die mangels Zustimmung zu einem Irak-Krieg von den USA ins Abseits gestellt wurde, gilt vielen Beobachtern als Sinnbild für den amerikanischen Unilateralismus.

Dabei ist das Phänomen, das amerikanische Oszillieren zwischen Multi- und Unilateralismus, historisch nicht neu. Nur hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges die amerikanische Position als alleinige Supermacht so gefestigt, dass die bisherigen Verbündeten nicht mehr die strategische Bedeutung haben, die sie früher einmal besaßen. Unilaterales Vorgehen fällt deshalb mehr auf, weil seine Konsequenzen auch enge Alliierte trifft.

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