Mittlerer Osten
Racheakte gegen Sunniten im Nordirak

Die Kluft zwischen den Sunniten, Schiiten und Kurden im Irak wächst. Die Gruppen nutzen die US-Luftangriffe zu ihren eigenen Zwecken und bekämpfen sich gegenseitig. Die kurdischen Peschmerga stehen wieder allein da.
  • 0

Suleiman BegDie verwesenden Leichen liegen auf Plastikplanen am Rande einer Straße im Nordirak. Ein paar Leute stochern auf der Suche nach einer Spur von vermissten Freunden oder Verwandten durch die menschlichen Überreste. Vergangene Woche hatten kurdische Kämpfer und Schiitenmilizen Suleiman Beg von der extremistischen Bewegung Islamischer Staat (IS) zurückerobert.

Nun haben manche Einheimische Spaten mitgebracht, um das Massengrab nahe dem Ort freizulegen. An einem Feuerzeug in der Brusttasche identifiziert Dschomaa Dschabratollah die Leiche eines Freundes. „Sie (IS) haben ihn abgeschlachtet, bloß weil er ein Schiit war“, sagt er, während er die sterblichen Überreste in einen Sarg zerrt. „Wir müssen uns rächen“.

Mit Hilfe der USA und des Iran haben die Peschmerga und die Schiitenmilizen inzwischen die radikalen Islamisten in die Defensive gebracht, die vor knapp drei Monaten in einem rasanten Vormarsch fast alle Sunniten-Gebiete im Norden und dem Zentrum des Irak unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Doch die seit einigen Wochen laufenden US-Luftangriffe auf die IS-Stellungen haben auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen: Denn während Kurden und Schiiten Boden gutgemacht haben, können viele vertriebene Sunniten aus Furcht vor den neuen Herren nicht in ihre Heimatorte zurückkehren. Einige Häuser von Sunniten wurden bereits geplündert und gebrandschatzt.

Eigentlich sollten die US-Luftangriffe der Einigung des Irak dienen. Stattdessen besteht nun die Gefahr, dass die einzelnen Volksgruppen die Lage ausnutzen, um sich gegenüber ihren Gegnern in den zahlreichen ethnischen Konflikten einen Vorteil zu verschaffen. Damit drohen die Zerwürfnisse zwischen Sunniten und Schiiten, die den Aufstieg von IS im Irak erst möglich machten, noch tiefer zu werden. Dies könnte es den USA und dem irakischen Zentralstaat erschweren, die Sunniten im Kampf gegen die radikalen Islamisten auf die eigene Seite zu bringen.

Ein besonders großer Schlag gegen den IS gelang dem ungewöhnlichen Bündnis aus Peschmerga, Schiitenmilizen und der US-Luftwaffe, als es vergangene Woche den Belagerungsring um die schiitisch-turkmenische Stadt Amerli durchbrach. Zugleich wurden die Islamisten auf 25 nahe gelegenen sunnitischen Dörfern und Städten vertrieben. Doch die Lage entwickelte sich anders, als es die USA erwarteten: Über den sunnitischen Dörfern stehen nun Rauchwolken, wo Häuser niedergebrannt wurden. Andere Gebäude sind verlassen, an ihren Wänden sind sunnitenfeindliche Sprüche zu lesen.

Seite 1:

Racheakte gegen Sunniten im Nordirak

Seite 2:

Entführung von Sunniten

Kommentare zu " Mittlerer Osten: Racheakte gegen Sunniten im Nordirak"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%