„Moderne Sklaverei“: Wie Nepalesen am Golf ausgebeutet werden

„Moderne Sklaverei“
Wie Nepalesen am Golf ausgebeutet werden

Arbeitsmigranten müssen im Nahen Osten Ausbeutung, miserable Unterbringung und sogar den Tod fürchten. Trotzdem zieht es jeden Tag Hunderte Menschen aus Nepal dorthin - denn Zuhause sehen sie keine Zukunft.
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KathmanduJeden Tag kehren drei Nepalesen, die als Gastarbeiter ins Ausland gingen, in Leichensäcken in die Heimat zurück. Trotzdem verlassen täglich 1600 Arbeitsmigranten das Land in Richtung Osten. „Was kann man in Nepal schon machen?“, fragt Mohan Singh Basnet, der seit 2005 immer wieder auswandert. In seinem politisch instabilen Himalaya-Staat bekomme doch nur Arbeit, wer betrüge oder die richtigen Leute kenne. „Ich habe auch in Ländern wie Irak oder Afghanistan gearbeitet. Ich wusste, dass ich dort sterben kann. Aber zumindest habe ich genug verdient, um für meine Familie zu sorgen.“

Die Arbeitsbedingungen für die Gastarbeiter sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oft unwürdig: In Katar etwa, wo die Stadien für die Fußballweltmeisterschaft gebaut werden, erhalten Arbeiter demnach monatelang kein oder ein zu geringes Gehalt, ihre Pässe werden einbehalten und die Unterkünfte sind hygienische Katastrophen. Die Organisation stellte ein „alarmierendes Ausmaß an Ausbeutung bis hin zur Zwangsarbeit“ fest.
Entsetzliche Geschichten von Gastarbeitern wie Bhupendra Malla, dem ein Lastwagen über die Beine rollte, sind auch in Nepal bekannt. Doch sind viele junge Nepalesen, vor allem die ungelernten und ungebildeten, so verzweifelt, dass sie das Risiko in Kauf nehmen. Die Behörden stellen keinen Einbruch bei den Zahlen fest, seit die Vorwürfe bekannt wurden. Auch nicht bei den Toten. 7500 Arbeiter kamen nach offiziellen Angaben seit 2000 im Nahen Osten und Malaysia ums Leben. Oft wird als Todesursache Herz-Kreislauf-Stillstand angegeben - das Herz hört auf zu schlagen, weil die Arbeiter entgegen der Regeln auch in der Mittagshitze schuften müssen, sagen Experten.

Die Glückssuchenden der globalisierten Arbeitswelt warten jeden Tag vor den Regierungsgebäuden in der Hauptstadt Kathmandu. Schon um 22 Uhr stellen sich die ersten am Außenministerium an und warten die ganze Nacht in der kalten Winterluft, damit sie am nächsten Morgen ihre Pässe beantragen können. „Ich habe in Kuwait als Hausangestellte gearbeitet, doch wurde ich schlecht behandelt“, sagt Maya Tamang, die in der langen Schlange wartet. Deswegen zog sie weiter nach Katar, wo sich auch ihr Mann verdingt. „Wegen der strikten Gesetze könne wir dort nicht als Mann und Frau zusammenleben. Aber zumindest sind wir im gleichen Land - statt arbeitslos in Nepal.“

Die nepalesische Wirtschaft liegt am Boden, die Inflation ist fast zweistellig. Denn nach zehn Jahren des Bürgerkriegs schaffen es die gewählten Politiker seit 2008 nicht, eine Verfassung auszuarbeiten; an eine funktionierende Verwaltung ist gar nicht zu denken. Der einzige Wirtschaftszweig, der richtig wächst, sind die Überweisungen der Arbeiter aus dem Ausland. Sie machen schon 26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. „Bis unsere Regierung es schafft, für mehr Jobs zu sorgen, gibt es kaum Hoffnung, dass sich für die Arbeitsmigranten etwas ändert - ungeachtet der Konsequenzen“, sagt der Soziologe Ganesh Gurung.

In Ländern wie Katar säßen zum Beispiel viele Arbeiter unschuldig im Gefängnis, erzählt Dorje Gurung, der dort inhaftiert war. Der 44-Jährige war als Lehrer an einer Hochschule angestellt, bis ein Student ihn beschuldigte, ihn Terrorist genannt zu haben. „Das Kafala-Rechtssystem in Katar gibt dem einheimischen Arbeitgeber volle Machtbefugnisse über den Arbeitnehmer, das heißt die Dokumente liegen beim Arbeitgeber und er muss sogar zustimmen, wenn jemand woanders arbeiten will“, erklärt er. „Das nennen viele moderne Sklaverei.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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