Mohamed Abdi Hassan
Vom Oberpiraten zum Friedensstifter

Früher war er selbst Seeräuber, einer der mächtigsten sogar. Doch der Somalier Mohamed Abdi Hassan hat die Seiten gewechselt: Nun hilft er anderen Freibeutern dabei, der Piraterie auch den Rücken zu kehren.
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MogadischuWie ein gefürchteter Seeräuber sieht Mohamed Abdi Hassan nicht aus. Im strahlend weißen Hemd sitzt der Somalier in einem noblen Hotel im kriegszerstörten Mogadischu und trinkt Tee. Dabei sind Hassan und seine Männer berüchtigt für ihre Überfälle im Indischen Ozean, bei denen sie Millionen Dollar Lösegeld erbeuteten. Hassan sei einer der „einflussreichsten Anführer des Piratennetzwerkes Hobyo-Harardheere“, heißt es in einem UN-Bericht vom vergangenen Jahr. Das ist vorbei, versichert Hassan - inzwischen habe er die Seiten gewechselt.

Er habe die Seeräuberei aufgegeben, beteuert der stämmige Somalier und zieht einen Brief aus der Tasche. Das Dokument soll aus dem Präsidialamt stammen - es weist ihn als „Verantwortlichen im Kampf gegen die Piraterie“ aus. Seine Aufgabe sei es, andere Piraten für einen neuen Lebenswandel zu gewinnen.

In Somalia ist Hassan besser bekannt als Afweyne - „Großmaul“ auf Somali - wie seine Mutter das ständig plärrende Kind angeblich nannte. Auch jetzt spuckt der rund 50-Jährige gerne große Töne: Tausend junge Männer habe er schon dazu bewogen, die Seeräuberei sein zu lassen, sagt er. „Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fern zu halten.“

Bis zu 3500 Kilometer von der somalischen Küste entfernt wüteten die Piraten in den vergangenen Jahren im Indischen Ozean. Einer aktuellen Berechnung der Weltbank zufolge wurden seit 2005 mindestens 315 Millionen Dollar (242 Millionen Euro) Lösegeld bezahlt - eine kleine Summe im Vergleich zu den 18 Milliarden Dollar, die die Piraterie die Weltwirtschaft jährlich kostet. Einer der Großen auf Somalias Gewinnerseite soll Afweyne, der „Abschaum des Meeres“, gewesen sein.

„90 Prozent von dem, was in Somalia zu hören ist, stimmt nicht“, entgegnet der geläuterte Pirat und lacht bei dem Gedanken, dass er als gefährlicher Bandit gilt. Allerdings: „Das heißt nicht, dass ich nichts damit zu tun hatte.“ Nachdem ausländische Fischfangflotten nach dem Sturz von Diktator Mohammed Siad Barre 1991 und dem anschließenden Bürgerkrieg die somalischen Fischgründe geplündert und damit auch sein Fischereiunternehmen ruiniert hätten, sei er unter die Seeräuber gegangen. „Das war legitim, weil es damals keine Regierung gab und wir wie Waisenkinder ohne Vater waren“, sagt Hassan.

Er war unter anderem 2008 am Überfall auf den saudischen Supertanker „Sirius Star“ beteiligt, für dessen Freigabe mehrere Millionen Dollar bezahlt wurden. Auch für Angriffe auf Schiffe mit Nahrungsmittelhilfe für die darbende Bevölkerung soll Hassan mitverantwortlich sein. Sein Sohn gilt ebenfalls als gefürchteter Piratenführer.

Seit Marineschiffe unter dem Kommando von EU, China, Russland und den USA am Horn von Afrika patrouillieren, sank die Zahl der Angriffe von 2011 bis 2012 nach Angaben der Mission EU NAVFOR um 80 Prozent. „Die Patrouillen haben viel Gutes bewirkt, aber wir brauchen auch an Land Anstrengungen“, sagt Afweyne. Den Männern müssten Alternativen geboten werden, damit aus Piraten wieder Fischer oder Bauern oder Händler werden könnten.

Kritiker werfen Afweyne vor, er habe dem Piratentum nur abgeschworen, um das erbeutete Geld nun investieren zu können. Andere vermuten, der Vorwurf seines Clans, die Piraten schadeten dem Ruf Somalias, sei ihm zu Herzen gegangen. Im vergangenen Jahr erhielt er angeblich einen Diplomatenpass - als Anreiz, seine Seeräubermannschaft zu befrieden.

Unabhängig von seiner Motivation - Afweynes Einfluss ist wichtig. Denn die somalische Regierung hat keine Kontrolle über die Regionen, von denen aus die Piraten operieren. Die Überfälle sind zwar rückläufig, doch die somalischen Gewässer gelten noch immer als äußerst gefährlich. Laut dem International Maritime Bureau (IMB) sind derzeit fünf Schiffe und 77 Geiseln in der Hand von Piraten; einige Seeräuber verdienten ihr Geld nun mit Entführungen und Überfällen an Land.

Andere Ex-Piraten schlossen sich Afweynes Initiative an, fordern jedoch konkrete Unterstützung. Viele aus seiner ehemaligen Mannschaft seien nun arbeitslos, sagt der frühere Piratenkapitän Abdullahi Abdi. „Und ein junger hungriger Mann ist zu allem fähig.“

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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