Mohammed-Affäre
Karikaturen werden zur politischen Waffe

Die Proteste gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen begannen mit friedlichen Demonstrationen einiger hundert Muslime. Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass der Aufschrei von hunderttausenden in der islamischen Welt auch als politische Waffe gegen den Westen eingesetzt wird.

HB BEIRUT. Nicht nur die USA werfen radikalen Kräften vor, den Konflikt bewusst zu schüren. Der libanesische Sozialminister Najla Muawad sprach von dem „organisierten Versuch, Vorteile aus dem Ärger der Muslime zu ziehen“. US-Außenministerin Condoleezza Rice erklärte, sie habe keinen Zweifel daran, dass der Iran und Syrien sich große Mühe gegeben hätten, die Emotionen anzuheizen. Beide Länder hätten dies für ihre eigenen Zwecke ausgenutzt. Die Proteste würden mit Sicherheit von außen angestachelt, sagte auch der Herausgeber der afghanischen Zeitung „Erada“, Zahor Afghan. Die meisten Muslime hätten die Karikaturen gar nicht selbst gesehen.

Die zuerst von der dänischen „Jyllands-Posten“ abgedruckten Zeichnungen haben unstreitig die Gefühle religiöser Muslime verletzt. Die umstrittenen zwölf Karikaturen stehen inzwischen aber nicht mehr im Mittelpunkt. Der geistliche Führer des Irans, Ayatollah Ali Chamenei, bezeichnete diese in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache nur als Teil einer „zionistischen Verschwörung“. Mohsen Resai vom iranischen Rat für Sittlichkeit sprach von einem Test, mit dem der Westen die Reaktion der Muslime ausloten wolle. Und in den staatlichen iranischen Medien wird pauschal von der dänischen Regierung als Urheber der Bilder gesprochen, nicht von einer einzelnen unabhängigen Zeitung.

Der iranische Politikexperte Hamid Resa Dschalaipur ist sich sicher, dass hinter diesen Äußerungen politische Kräfte stecken. Die gewaltsamen Proteste seien gewissermaßen die Rache Teherans dafür, dass sich auf Wunsch der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) in Wien der Weltsicherheitsrat mit dem Streit über das iranische Atomprogramm befassen soll, sagte Dschalaipur.

Im staatlich streng kontrollierten Syrien hätten die gewaltsamen Proteste kaum ohne die zumindest stillschweigende Billigung der Regierung stattfinden können, sind sich die meisten sicher. In Medien wurde die dänische Regierung für die Eskalation verantwortlich gemacht - schließlich sei aus Kopenhagen noch keine Entschuldigung eingetroffen.

Experten gehen davon aus, dass Syrien mit den Ausschreitungen in aller Deutlichkeit darauf hinweisen will, dass das Land bei zunehmendem Druck durch die internationale Gemeinschaft für ziemlichen Ärger sorgen kann. Die Regierung wolle dem Westen mitteilen, dass sie „ein großes Potenzial an Wut“ habe, so der ägyptisch-amerikanische Aktivist Saadiddine Ibrahim. Syrien steht wegen des Mordes an dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri unter Druck, die USA werfen der Regierung vor, Terroristen Unterschlupf zu gewähren.

Dass sich der Karikaturen-Streit inzwischen weit von seinem eigentlichen Auslöser wegbewegt hat, machte auch die radikale Hisbollah-Miliz am Donnerstag deutlich. US-Präsident George W. Bush und Außenministerin Rice sollten in dem Konflikt „das Maul halten“, sagte Hisbollah-Führer Scheik Hassan Nasrallah am Donnerstag vor mehreren hunderttausend Schiiten in Beirut. Von Europa forderte er ein gesetzliches Verbot der Beleidigung Mohammeds. „Wir werden den Gesandten Gottes nicht nur mit unserer Stimme, sondern auch mit unserem Blut verteidigen“, kündigte Nasrallah weiter an.

Antisyrische Gruppen im Libanon werfen Damaskus vor, gewaltbereite Demonstranten zu den Protesten in die Hauptstadt Beirut geschickt zu haben, wo auch eine christliche Kirche angegriffen wurde. Mehr als die Hälfte der Festgenommenen stammten der Polizei zufolge aus Syrien oder den palästinensischen Gebieten. Auch bei den Demonstrationen in Pakistan seien Mitglieder verbotener extremistischer Gruppen gesichtet worden, hieß es in Sicherheitskreisen.

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