Mohammed-Karikaturen: „France-Soir“ und „Welt“ gießen Öl ins Feuer

Mohammed-Karikaturen
„France-Soir“ und „Welt“ gießen Öl ins Feuer

Was wiegt schwerer - die Gefühle von Muslimen oder die Meinungsfreiheit? Die Zeitungen „France-Soir“ und „Die Welt“ haben sich im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen für die Freiheit entschieden und drucken die umstrittenen Zeichnungen ab. France-Soir garniert die Veröffentlichung mit einem deftigen Kommentar.

HB PARIS/BERLIN/KOPENHAGEN. Die in Paris erscheinende „France-Soir“ druckte alle zwölf Karikaturen nach, die bereits vor mehreren Monaten in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienen waren, aber erst jetzt zu einer Protestwelle von Muslimen in aller Welt geführt hatten.

In einem Kommentar auf der Titelseite begründet die Redaktion des „France Soir“ ihre Entscheidung, alle zwölf Karikaturen zu veröffentlichen. Die Zeichnungen hätten die moslemische Welt geschockt, weil die Darstellung Allahs und seines Propheten verboten sei, heißt es darin. „Weil aber kein religiöses Dogma die Auffassungen einer demokratischen und säkularen Gesellschaft bestimmen kann, veröffentlicht „France Soir' die umstrittenen Karikaturen.“

„France Soir“-Chefredakteur Serge Faubert schrieb zudem: „Schluss mit den Belehrungen dieser bigotten Reaktionäre! Diese verurteilten Karikaturen enthalten nichts, was eine rassistische Absicht ausweist oder eine Gemeinschaft als solche verunglimpfen will.“ Dann fügte er hinzu: „Nein, wir werden uns niemals für die Freiheit, unsere Meinung zu sagen, uns Gedanken zu machen und Überzeugungen zu haben, entschuldigen.“

Die Welt druckte am Mittwoch nur eine Karikatur, die den Propheten mit einem bombenförmigen Turban zeigt, in dem eine brennende Lunte steckt. Die Zeichnung wurde auf der Titelseite veröffentlicht. Einer der Reporter des Blatts erzählte in einem Interview im Deutschlandradio, schon vor mehreren Monaten habe man alle Karikaturen aus Solidarität nachgedruckt, damals sei es nur niemandem aufgefallen.

„Welt“-Chefredakteur Roger Köppel schrieb in einem Kommentar zur Karikatur: „Es gibt kein Recht auf Satireverschonung im Westen.“ Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Köppel, es entspreche seinem journalistischen Selbstverständnis, dass Medien dann einschreiten müssten, „wenn wesentliche Grundpfeiler unserer Kultur in Frage gestellt werden, wie es hier der Fall ist“. Das Abdrucken der Zeichnungen sei auch ein Bekenntnis zur Meinungsfreiheit. „Hier geht es um Todesdrohungen, nicht darum, sich aus Jux über eine Religion lustig zu machen. Das ist ein hochpolitischer Vorgang, den journalistisch abzubilden die Pflicht eines Mediums ist“, sagte Köppel. Die westliche Zivilisation beruhe auch „auf der Möglichkeit, sich mit einer gewissen Respektlosigkeit und einem Lächeln auch die letzte Autorität vornehmen zu können“.

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisierte den Nachdruck der Karikaturen. Sprecher Hendrik Zörner sagte der „Netzeitung“, nach Ziffer 10 des Pressecodex seien „Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren“. Zörner wies darauf hin, dass der Presserat bereits in Fällen Rügen erteilt habe, in denen allerdings das christliche Empfinden verletzt wurde.

Der Presserat dagegen reagierte zurückhaltend. Wenn Beschwerden über die Abdrucke eingingen, werde man prüfen, ob sie gegen den Pressecodex verstoßen, sagte Arno Weyand vom Presserat. Da die Zeitungen aber nicht Urheber der Karikatur seien, könne man ihnen möglicherweise nichts vorwerfen. Eine Rüge des Presserats zu diesem Zeitpunkt sei auf jeden Fall ausgeschlossen.

In der arabischen Welt dauern unterdessen die Proteste gegen die Karikaturen an. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa protestierten am Mittwoch zehntausende Frauen gegen die Veröffentlichung. Wütende Studentinnen verbrannten dänische Fahnen und riefen zum Boykott dänischer Produkte auf. Nach Polizeiangaben beteiligten sich rund 80 000 Frauen an der Protestaktion. Die Veranstalter sprachen von 150 000 Teilnehmerinnen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%