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16.10.2007 
Chinas Kommunisten

Moneten statt Marx

von Andreas Hoffbauer

Vom strengen Kommunismus zum wilden Kapitalismus: Trotz ihres Wandels besteht die Kommunistische Partei in China noch immer auf den absoluten Machtanspruch im Land. Junge Chinesen sehen die Partei jedoch nur noch als Karriere-Sprungbrett. Eine Handelsblatt-Reportage.

Abgeordnete während des Parteitags der Kommunisten in Peking. Foto: dpaLupe

Abgeordnete während des Parteitags der Kommunisten in Peking. Foto: dpa

PEKING. Ein bisschen enttäuscht ist Wang Fuling schon. „Wir kommen weit aus dem Nordosten, und ich bin das erste Mal in Peking“, sagt der Bauer mit dem braun gegerbten Gesicht. „Aber jetzt ist hier alles abgesperrt.“ Verärgert schiebt der Chinese seine rote Kappe in den Nacken. Wieder nichts mit dem Traum, einmal auf dem berühmten Platz des Himmlischen Friedens zu stehen. „Da drüben ist die Halle des Volkes, wo heute der Parteitag stattfindet“, versucht dafür die junge Reiseführerin ihre Rotkappen zu begeistern. Das Megafon pfeift. „Sind die da wirklich alle drin?“ fragt eine Touristin in der Gruppe und blinzelt in die Herbstsonne. „Klar“, sagt Bauer Wang. „Da haben wir keine Chance.“

In Peking herrscht geschlossene Gesellschaft. Pünktlich zum 17. Parteitag der Kommunistischen Partei (KP), der gestern begonnen hat, sind Plätze gesperrt und Polizisten aufgelaufen. Immerhin bietet die Stadt heute Kaiserwetter für alle. Die Sonne lässt die roten Fahnen so schön flattern wie selten. Es ist schon fast unheimlich, aber selbst der Wettergott gehorcht offenbar der Partei.

Genau wie die 2 213 Delegierten, die an diesem Morgen von Hu Jintao in der Großen Halle auf Kurs gebracht werden. Unter dem roten Stern des kitschigen Kuppelsaals sitzen mit Orden geschmückte Generäle, Delegierte in bunten Volkstrachten und alte Kämpfer in blaugrauer Mao-Kluft. „Genossen“, ruft ihnen Parteichef Hu zum Auftakt des Kongresses zu, „lasst uns das Banner des Sozialismus mit chinesischer Prägung hochhalten.“ Der Mitarbeiter aus dem Außenministerium, der auf der Zuschauertribüne die ausländischen Journalisten betreut, hört die Parole schon nicht mehr. Er ist bereits eingenickt.

Plötzlich ist er wieder da, der Hauch des Kommunismus. Während nur einen Steinwurf von der Großen Halle entfernt das neue China in den Einkaufsmeilen seinen Wohlstand bei Gucci und McDonald’s zelebriert, weht durch die muffigen Säulengänge der Großen Halle der Geist der Vergangenheit. Übermächtig prangen auf der Bühne Hammer und Sichel. Die Insignien der Partei sind selbst in Peking sonst nur noch auf Souvenirmärkten zu finden.

Doch heute tragen die Delegierten wie Lue Dewen das Parteiabzeichen stolz auf den Namensschildern an der Brust. Der Mann aus der Inneren Mongolei ist schon seit 1973 KP-Mitglied. „Dies ist ein sehr wichtiger Parteitag, da er in einer Schlüsselphase der Volksrepublik stattfindet“, sagt er. Auch der Pekinger Sun Kehui bringt es auf den Punkt: „Wir Mitglieder sind wichtig, denn die Partei ist die zentrale Kraft in Chinas Führung.“

Die Partei, das ist zuvorderst Hu Jintao, ihr Chef. Er ist kein mitreißender Selbstdarsteller, nicht mal unter seinesgleichen. Akkurat gescheitelt, weißes Hemd, dunkler Anzug, roter Schlips – alles wirkt an ihm kontrolliert, steif und eckig. Und so trägt er auch an diesem Tag seinen Bericht ohne jede Emotion und Abweichung vor. Jeder Satz vom Blatt abgelesen, wie eine Maschine, 140 Minuten lang. Wachsfigurenkabinett live.

„Unsere Partei wird an der ideologischen Linie des Marxismus festhalten“, sagt Hu. Beifall. An der Macht der Partei, die „als Führungskern die Gesamtlage im Griff hat“, dürfe ebenfalls nicht gerüttelt werden. Noch mehr Applaus. Und zum Abgang schmetternde Marschmusik. Der Mann vom Außenministerium erwacht und reibt sich die Augen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Massenpartei wandelt sich immer mehr zum einflussreichen Zirkel für Eliten.

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