Motivationskampagne
Mit nacktgerupften Hühnern zur Europawahl

Erstmals seit dem Beginn der direkten Europawahlen im Jahr 1979 soll eine europaweite, überparteiliche Motivationskampagne die EU-Bürger zum Gang an die Wahlurne bewegen. Neben einem drögen Slogan, liefert diese auch ungewöhnliche Hingucker.

DÜSSELDORF. Energisch spricht der ältere Herr aus Deutschland in die Kamera: „Ich möchte, dass die Bürger mehr Rechte bekommen.“ Eine dunkelgelockte Spanierin mit eckiger Brille reckt ihr Kinn entschlossen nach vorne: Sie verlangt einen besseren Schutz von Praktikanten, damit diese in den Unternehmen nicht ausgenutzt werden. Eine junge Frau aus Grenoble im aprikosenfarbenen Mantel fragt zart: „Welche Energieversorgung wollen wir?“ Sie alle haben sich an verschiedenen Orten der EU in eine interaktive „Europa Box“ gesetzt, um sich vor der Europawahl mit einer Videobotschaft an die Europaparlamentarier zu wenden. Zugleich werden sie jedoch durch ihre Kommentare zum Bestandteil der offiziellen Kampagne des Europäischen Parlaments.

Erstmals seit dem Beginn der Direktwahlen im Jahr 1979 soll eine europaweite, überparteiliche Motivationskampagne die EU-Bürger zum Gang an die Wahlurne bewegen. Neben den aufgezeichneten Bürgervideos aus den „Europa-Boxen“ erinnern Glasfaser-Großinstallationen, virale Spots sowie klassische Fernsehspots und Plakate die 375 Millionen wahlberechtigten Europäer daran, zwischen dem 4. und 7. Juni ihre Stimme abzugeben. „Es ist ein immenser Schritt, dass die Europawahl überhaupt beworben wird“, sagt Lutz Meyer, Geschäftsführer von Scholz & Friends Agenda in Berlin. Die Werbeagentur erhielt vom Europäischen Parlament den Zuschlag, um die erste Informationskampagne ihrer Art zu entwickeln. 18 Millionen Euro darf die Sache kosten – also nur knappe fünf Cent pro Wähler. Zum Vergleich: Die CDU stellt zehn Millionen Euro allein für ihre deutsche Parteienwerbung zur Europawahl bereit.

Dass die Europäer dringend aufgerüttelt werden müssen, steht außer Zweifel. Beobachter fürchten nach mickerigen 43 Prozent Wahlbeteiligung 2004 einen neuen Negativrekord. Laut der jüngsten Eurobarometer-Umfrage planen nur 34 Prozent der Europäer, wählen zu gehen. Nur 16 Prozent der Befragten wussten jedoch, in welchem Monat die Wahl überhaupt stattfindet. 62 Prozent erklären, das Datum der nächsten Europawahlen nicht zu kennen. 15 Prozent der Wähler gaben an, gar nicht erst den Weg ins Wahllokal antreten zu wollen.

„Geben Sie sich einen Ruck! Es geht nur um ein paar Minuten. Vielleicht lässt sich der Gang zum Wahllokal ja mit einem Spaziergang oder einem Café-Besuch verbinden“, bettelt das Europäische Parlament denn auch auf seiner Website um die Wählergunst. Auf Wunsch wird sogar eine Wahlerinnerung per SMS versandt. Die Motivationskampagne soll nun zusätzliche Aufmerksamkeit schaffen. Zwar kommt der gewählte Slogan „Europawahl – Deine Entscheidung“ im Deutschen enorm dröge daher.

Doch unter den Großinstallationen, die nach einem ausgeklügelten System durch die 27 Mitgliedstaaten touren, finden sich auch ungewöhnliche Hingucker. So sorgen sechs Meter hohe, nacktgerupfte Hühner auf den Marktplätzen Europas für Aufsehen – und thematisieren zugleich den Verbraucherschutz. Riesige Warndreiecke, die Fingerabdrücke oder Kameras abbilden, visualisieren das Motto „Freiheit und Sicherheit verbinden“. Besonders in Schweden traf die Sicherheitsdebatte den Nerv: Die Schilder bildeten für Überwachungsgegner das Ziel heftiger Attacken und mussten mehrfach erneuert werden.

Aufmerksamkeit für eine europäische Institution herzustellen, ist allerdings kein leichtes Unterfangen. Das bestätigt auch PR-Experte Lutz Meyer: „Die Kampagne muss für das Europäische Parlament angemessen sein, also die zentralen Themen Europas transportieren. Die Parteien können mit ihren Plakaten eher polarisieren und Aufreger schaffen.“ Seine Agentur entwickelte Motive, die die EU-Bürger laut Eurobarometer thematisch umtreiben. Das wichtigste Plakat spricht die Finanzkrise an. Mit dem Spruch „Finanzmärkte bändigen – aber wie?“ zeigt es einen Löwen neben einer Katze. „Der Bürger soll ins Grübeln kommen, welche Variante der Finanzmärkte er favorisiert: eine kraftvoll und unbändige oder eine kleine und zahme“ sagt Meyer.

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