Mugabe
Simbabwe: Die entführte Hoffnung

Es schien, als würde Simbabwes Diktator Mugabe etwas Macht abgeben, dann verschwindet ein Mitglied der neuen Regierung. Warum, erklärt unsere Autorin – sie war dabei.

HARARE. Am fünften Tag in dieser gammeligen Zelle empfängt der Minister ein erstes zartes Zeichen, das ihm Grund geben könnte zu hoffen. Die Wächter haben ihm ein Bad erlaubt. Es ist nicht, was die Amerikaner an diesem Tag, weit entfernt, gefordert haben: seine sofortige Freilassung. Aber immerhin. Er trägt noch immer die Shorts und das klebrige Hemd, er kann sich den Schweiß abwaschen, den Geruch. Er riecht nach Angst.

Er stand unter dem Tragflügel der kleinen Pilatus, ein Mann Anfang fünfzig mit imposantem Bauch, sein weißes T-Shirt spannte. Wenig später war Roy Bennett – bisher Oppositioneller, plötzlich neuer Vizelandwirtschaftsminister Simbabwes – verschwunden. Aus einem Flugzeug heraus verhaftet, verschleppt von Gefolgsleuten des Diktators Robert Mugabe.

Es schien, als sei Mugabe bereit, etwas von seiner Macht abzugeben. Das Land durfte von einer besseren Zukunft träumen. Zwei Tage lang. Nun sitzt Bennett in einem Gefängnis in einer Kleinstadt namens Mutare, an der Grenze zu Mosambik. „Wegen versuchten Terrorismus und Banditentums“, das ist die offizielle Version.

Der Fall zeigt die Willkür und die Skrupellosigkeit, mit der ein über zwei Jahrzehnte allmächtiger Herrscher versucht, den drohenden Verfall seiner Macht aufzuhalten. Wie er sich und seine Gefolgschaft gegen Rache schützen will für eine Zeit, in der vielleicht andere das Sagen haben.

Freitag, 13. Februar. Am Nachmittag soll die neue Einheitsregierung Simbabwes vereidigt werden, in der Minister aus Mugabes Partei sitzen und nun auch Politiker aus der Oppositionspartei MDC von Morgan Tsvangirai, Mugabes einzigem ernsthaftem Gegenspieler. Schon im September hätte diese Regierung ihre Arbeit aufnehmen sollen, doch bis jetzt hatten sich die Parteien gestritten über Posten und Pöstchen. Als sei Zeit. Als habe das Land nicht gigantische Probleme zu lösen: Es ist wirtschaftlich am Ende. Die Inflation auf Weltrekordniveau, so hoch, dass sie kaum noch messbar ist; die Preise verdoppeln sich täglich. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 94 Prozent. Dazu grassiert die Cholera, 3700 Menschen starben daran.

Am Mittwoch vergangener Woche war Tsvangirai, die Hoffnung, vereidigt und im Glamis-Stadion in Harare, der Hauptstadt, enthusiastisch gefeiert worden.

„Heute ist ein historischer Tag für unser Land.“ Seine Anhänger, 15000 sollen es gewesen sein, hatten gejubelt, triefnass, weil es seit Stunden regnete. Demokratie, hatte Tsvangirai gerufen, sei das Wichtigste. Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit! So viel schien möglich.

Acht seiner Unterstützer waren vor zwei Tagen von Südafrika aus nach Harare geflogen, an Bord eine Reporterin. Sie hatten eine falsche Landezeit angegeben und einen falschen Ankunftsflughafen. So hofften sie, der Beobachtung durch den Geheimdienst zu entgehen, weil in Simbabwe jederzeit alles möglich ist, Verhaftung, Verhör, Verschwinden. Erst recht für Oppositionelle, erst recht für Journalisten. Sie landeten auf dem kleinen Flughafen Charles-Prince, außerhalb der Stadt. Von dort aus sollen sie an diesem Freitag, dem 13., um 14 Uhr zurückfliegen.

Ein Verbindungsmann aus der MDC ruft an, der Flug sei vorverlegt, „12 Uhr, beeilt euch“. Ein Grenzbeamter wartet. Er ist ihretwegen hier, damit sie abgefertigt, ihre Pässe ordnungsgemäß gestempelt werden. Doch ein technisches Problem verzögert den Start. Die Gruppe setzt sich in die Bar des Mashonaland-Fliegerclubs. Plötzlich fliegt die Tür auf, und ein untersetzter Mann kommt herein. Roy Bennett. Er wird mit ihnen fliegen, um mit seiner Familie in Südafrika seinen 52. Geburtstag zu feiern, bevor er offiziell sein Amt antritt.

Er ist einer der schillerndsten Politiker der MDC-Partei. Seit neun Jahren steht der Landwirt, ein Weißer, auf Mugabes berüchtigter Liste, seitdem kennt er die Staatswillkür. Seine Farm wurde überfallen, geplündert, er wurde angegriffen, verhaftet. Mehrfach. 2004, Bennett war gerade enteignet worden, geriet er im Parlament mit einem Minister handgreiflich aneinander. Er musste für Monate ins Gefängnis. Als er wieder freikam, wurde erneut Haftbefehl erlassen wegen eines angeblich geplanten Mordanschlags auf Präsident Mugabe. Bennett floh mit seiner Familie nach Südafrika.

Erst vor wenigen Wochen war er nach Simbabwe zurückgekehrt. Tsvangirai hatte ihn als Vizeminister vorgeschlagen, und Mugabe hatte es akzeptiert. Der alte Haftbefehl sei ihm egal, soll er gesagt haben. Doch er ließ Bennett seit einigen Tagen suchen.

Es ist kurz vor 14 Uhr, als die Gruppe die reparierte Pilatus besteigt.

14.02 Uhr, die Maschine rollt in Richtung Startbahn, da rasen mehrere schwere Autos auf den staubigen Vorplatz des Flughafens. „Maschine sofort stoppen“ dröhnt es aus dem Kopfhörer der Pilotin. „Zieh durch, heb ab, nichts wie weg“, rufen sie hinter ihr. Die Pilotin drosselt die Motoren, der Propeller stoppt. „Die wollen mich“, sagt Bennett. Er gibt seinen Laptop und sein Handy ab, sagt, wer angerufen werden soll; nickt, steigt aus. Zwei Männer schubsen ihn in einen Pick-up und fahren mit ihm weg.

Es ist heißt im Flugzeug, die Luft zum Schneiden stickig. Die Polizei, heißt es, werde sie gleich einzeln verhören, weil sie Bennett illegal außer Landes schaffen wollten. Sie löschen Adressen und Kurznachrichten im Handy, verstecken Papiere und Kamera-Speicherkarten unter Sitzen, unterm Teppich, sie stimmen ihre Geschichte ab: dass sie auf Einladung Tsvangirais zu seiner Vereidigung im Land waren, ganz legal. Sie rufen bei Zeitungen an, der deutschen Botschaft, in der Parteizentrale der MDC. Tsvangirai geht nicht an sein Handy. Er müsste wissen, dass Bennett, sein Freund, verschleppt wird. Er feiert im Staatshaus mit Mugabe die Vereidigung der Minister.

Irgendwann fordert die Polizei die Gruppe auf, sofort zu fliegen. Als die Pilatus in die untergehende Sonne aufsteigt, ist es still an Bord. Sie können in diesem Moment nur ahnen, was folgen wird.

Bennetts Partei sagt, dass Mugabe die Einheitsregierung unterlaufen wolle.

US-Senator und Afrika-Experte Russ Feingold erklärt, die Obama-Regierung verlange die sofortige Freilassung.

Am Montag hätte Bennett einem Richter vorgeführt werden sollen. Die Ankläger erschienen nicht. Am Mittwoch sollte ein Gericht entscheiden, ob er in Haft bleiben oder gegen Kaution freigelassen wird. Mugabes Partei hat ihm einen Deal angeboten: eine Generalamnestie. Sie würde bedeuten, dass eine Reihe mugabetreuer Geheimdienstler, Verschlepper, Folterer, die in Amt und Würden sind, nichts zu befürchten haben – egal, wer demnächst oder in einigen Jahren regiert. Am Mittwochnachmittag wurde der Fall an ein anderes Gericht delegiert und auf Donnerstag verschoben. Am Donnerstag wurde die Verhandlung auf Freitag verschoben.

Am Donnerstag hat sich Mugabe zum ersten Mal zu Bennett geäußert. Er verstehe nicht, warum die ganze Sache soviele Schlagzeilen in aller Welt mache. Es sei schließlich ein Gerichtsprozess. Die Gerichte sollten für sich selbst entscheiden..

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