Mukesh und Anil Ambani sind wie Feuer und Wasser
Teil 5: Zwei ungleiche Brüder gehen getrennte Wege

Im Reliance-Imperium ist alles überdimensioniert: Ehrgeiz, Erfolge, Egos und Skandale. Wie der Konzern Verehrer und Kritiker polarisiert, provoziert seine Eigentümerfamilie Bewunderung und Ablehnung.

BOMBAY. Aufgebaut wurde das Konglomerat aus dem Nichts von einem Mann aus einfachen Verhältnissen: Dhirubhai Ambani begann als Tankstellenwärter. 1958 gründete der Sohn eines Dorfschullehrers Reliance als Handelsfirma für Polyestergarn. Er war ein Visionär, aber gilt bis heute auch als virtuoser Manipulierer, der Reliance vorteilhafte Regulierungsbedingungen sicherte. Willenskraft, Mut zu großen Projekten und Geschick beim Zurechtbiegen der Regeln machten ihn zu Indiens größtem Tycoon. Vor drei Jahren starb der Patriarch – ohne Testament.

Das entfachte einen Familienkrieg um Besitz und Managementkontrolle, bei dem seinen Söhnen jedes Mittel recht war. Sie wetteifern darum, wer den Unternehmergeist des Vaters am besten verkörpert. Aber für keinen ist es leicht, aus dem Schatten des legendären Gründers zu treten, dessen überlebensgroßes Portrait unübersehbar in allen Reliance-Gebäuden prangt.

Die Rollen sind sauber verteilt: Mukesh Ambani ist der loyale Sohn, der nüchterne, scheue, konservative Familienmann, das Arbeitstier. Der 47-Jährige tritt immer im klassischen Anzug auf. Das renommierte Magazin „India Today“ kürte ihn zweimal in Folge zum mächtigsten Mann des Landes. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Anil Ambani ist der extrovertierte Rebell, der das Rampenlicht liebt, im Glamour der Filmwelt badet und hemdsärmelig vor die Kameras tritt. Der Vegetarier und religiöse Hindu trinkt und raucht nicht. Anders als sein fülliger Bruder ist Anil ein gertenschlanker Fitness-Fanatiker, der täglich durch Bombays Straßen joggt, meditiert und Yoga praktiziert. Die Brüder eint neben der Größe ihrer Ambitionen tiefer Respekt für ihre Mutter. Trotz des Familiendramas leben sie weiter unter einem Dach mit ihr in einem luxuriösen Appartmentblock.

Der Machtkampf endete mit einem Schiedsspruch der Matriarchin, und die Spaltung der Dynastie erlaubt es Anil nun, sich als Unternehmer zu beweisen. Als „zweite Geburt“ feierte er den Gewinn der Kontrolle über Reliances Dienstleistungssparten. Dass er dem älteren Bruder auch dessen Prestigeprojekt – die Telekomsparte – abrang, zeugt von Kampfgeist und Durchsetzungskraft. Sein erstes völlig allein verantwortetes Projekt soll Anil, der seinem Vater zum Verwechseln ähnlich sieht, nun zum Medien-Mogul machen.

Aus unternehmerischer Sicht ist die Aufspaltung des Konglomerats kein Beinbruch: Die Trennung hebt versteckte Werte und kann Initialzündung werden für noch schnelleres Wachstum. Aber in der langen und öffentlich geführten Schlammschlacht ging den Ambanis die Aura der Unantastbarkeit verloren. Sie werden sich in Zukunft mehr an Spielregeln halten müssen, weil sie von Medien, Aktionären und Behörden stärker unter die Lupe genommen werden. Zuvor wagten weder Journalisten noch Politiker oder Behörden Kritik an Reliance. Nun ergeht sich die indische Presse darüber, wie der Konzern Regulierungsrahmen zu seinen Gunsten biegt. Außerdem deckt sie Corporate-Governance-Verstöße auf, die freien Aktionären schaden. Unter öffentlichem Druck musste Mukesh einen privaten Anteil von zwölf Prozent an Reliance Infocomm zurückgeben, den er sich weit unter Wert angeeignet hatte.

Kritik flammt auch an der traditionellen Gelddruckmaschine des Konzerns auf: Für die traumhaften Raffinerie-Margen der Petrochemiesparte macht die „Economic Times“ eine verzerrte Zoll-Politik verantwortlich, die Reliance begünstigt und Konsumenten schädigt. „Was gut ist für Indien, ist gut für Reliance und anders herum“, lautet das Motto der Gründerfamilie, für die die Interessen von Land und Konzern deckungsgleich sind. Aber auf den in Indien sprichwörtlichen „Ambani-Faktor“ kann sie immer weniger vertrauen. „Der Mythos von den allmächtigen Ambanis ist Geschichte“, sagt der Indien-Chef eines westlichen Großkonzerns.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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