Mussawi
Polizei tötet Neffen von Irans Oppositionsführer

Bei Protesten im Iran sind am Sonntag nach Oppositionsangaben offenbar acht Demonstranten getötet worden, darunter wohl der Neffe von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi. Zwei weitere Menschen seien verletzt worden, nachdem die Polizei das Feuer auf Anhänger der Reformbewegung eröffnet hatte.
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HB TEHERAN. Der Vorfall habe sich im Zentrum der Hauptstadt Teheran ereignet, berichtete die regierungskritische Internetseite „Jaras“, auf der von vier Toten die Rede ist. In Tabris im Nordwesten des Iran seien vier weitere Demonstranten getötet worden. Die Angaben der regierungskritischen Internetseite wurden von Augenzeugen bestätigt, konnten aber nicht von unabhängiger Seite überprüft werden, weil die iranischen Behörden ausländischen Journalisten die Berichterstattung über Kundgebungen verboten haben. Auch das staatliche Fernsehen berichtete jedoch am Sonntagabend, erstmals seit den Protesten im Juni habe es Tote gegeben. Vom Tod des 20-jährigen Neffen Mussawis, Ali Mussawi, berichtete die französische Nachrichtenagentur afp unter Berufung auf eine oppositionelle Internet-Seite.

Wenige Minuten später seien in der Umgebung weitere Schüsse gefallen. „Auch vom Enkelab-Platz sind Schüsse zu hören. Die Demonstranten rufen „Tod dem Diktator'“, hieß es auf der Website weiter. Zudem würden auch aus anderen iranischen Städten wie Isfahan und Nadschafabad Zusammenstöße zwischen Polizisten und Demonstranten gemeldet.

Die Polizei setzte in Teheran erneut Tränengas gegen Anhänger der Reformbewegung ein, die eine traditionelle Trauerfeier zu Protesten gegen die erzkonservative Regierung von Präsident Mahmud Ahmadinedschad nutzten, wie „Jaras“ weiter berichtete. Dabei hätten die Demonstranten das Motorrad eines Polizisten in Brand gesteckt. Die iranische Führung hatte laut Augenzeugen bereits am Vormittag an neuralgischen Punkten der Hauptstadt Einheiten der Sicherheitskräfte zusammengezogen, um mögliche Protestkundgebungen zu unterbinden.

Schon am Samstag sei es immer wieder zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften gekommen, meldeten Internetseiten der Opposition. Die Oppositionellen hatten sich am Samstag an zunächst mehreren Stellen in Teheran versammelt, darunter auch an der Universität. Zu größeren Protesten kam es nach Augenzeugenberichten am Samstagnachmittag auch in der belebten Niavaran-Avenue im Norden Teherans. Dort gingen Hunderte Anhänger der grünen Bewegung von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi auf die Straße. Eine Rede des regimekritischen Ex-Präsidenten Mohammed Chatami war von Anhängern Ahmadinedschads verhindert worden.

Trotz eines Verbots hatte die Reformbewegung ihre Anhänger am Samstag per SMS aufgerufen, am Sonntag auf die Straße zu gehen und dem verstorbenen Großajatollah Hossein Ali Montaseri zu gedenken. Die Spannungen zwischen Opposition und Regierung hatten sich zuletzt wieder deutlich verschärft, nachdem am vergangenen Wochenende der regierungskritische Großajatollah Montaseri im Alter von 87 Jahren gestorben war. Der Geistliche war eine Art Mentor der Reformbewegung und galt als einer der schärfsten Kritiker Ahmadinedschads.

Die Gedenkfeiern dürften der Protestbewegung nun einen neuen Kristallisationspunkt verschaffen. Gemäß schiitischer Tradition erreichen sie am Sonntag - dem siebten Tag nach dem Tod des Geistlichen - einen ersten Höhepunkt, der mit dem religiösen Feiertag Aschura zusammenfällt.

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