Mustafa Abdul Dschalil
Libyens Mann für den Wechsel

Gaddafis letzte Bastion ist gefallen, die Rebellen übernehmen die Macht. Der Chef des Übergangsrats soll das Land künftig führen. Doch wer ist Mustafa Abdul Dschlalil - und welche Probleme kommen auf ihn zu?
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Wie schnell sich die Zeiten ändern, erlebt Mustafa Abdul Dschalil derzeit am eigenen Leib: Hatte US-Außenministerin Hillary Clinton die Rebellenführer im März am Rande des Treffens der Libyen-Kontaktgruppe in einem Pariser Hotel nur still und heimlich für 45 Minuten empfangen, so drängen sich jetzt Spitzenpolitiker aus aller Welt mit Dschalil ins Bild. Die nächste Fotoserie wird am Mittwoch geschossen, wenn Libyens Mann für den Wechsel mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy in Paris zusammentrifft.

Auf den Fotos mag Dschalil wie ein strahlender Sieger wirken, doch die Realität sieht anders aus. Der 59-Jährige blickt nach wie vor auf eine unklare Lage in der 1000 Kilometer von seinem provisorischen Regierungssitz in Bengasi entfernten Hauptstadt Tripolis. Kürzlich hat der Chef des Nationalen Übergangsrats dem erst im März berufenen Kabinett eine Umbildung verordnen müssen.

Auslöser war der mysteriöse Mord an einem Militärkommandeur der Aufständischen: Seit Offizier Abdel Fattah Junis Ende Juli tot aufgefunden wurde, geht ein tiefer Riss durch die Oppositionellen: Denn unklar ist, ob sich hinter dem Mord Gaddafi-Loyalisten, Islamisten oder Eifersüchtelnde unter den 140 libyschen Stammes-Scheichs verbergen.

Auch Dschalil saß lange im Gaddafi-Kabinett, bis er am 21. Februar, vier Tage nach Ausbruch der libyschen Rebellion, seinen Posten als Justizminister unter Protest niederlegte. Als Grund führte er die „exzessive Gewalt gegen Demonstranten“ an. Von den Rebellen wurde der im ostlibyschen Al Bayda geborene Dschalil mit offenen Armen aufgenommen, weil er sich bereits unter Gaddafi für Gefangene einsetzte und im März 2010 erstmals seinen Rücktritt angeboten hatte.

Doch Dschalil blickt auf einen Berg voller ungelöster Probleme. Die Rebellenführung, die aus Gaddafi-Wendehälsen, Alt-Oppositionellen, zurückgekehrten Exilanten, Stammesfürsten und Islamisten besteht, ist innerlich zerrissen. Genau in die Karten schauen kann ihnen niemand: Von den 40 Mitgliedern des Übergangsrats sind nur 13 namentlich bekannt, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Zudem muss Dschalil eine Regierung etablieren, die den Eindruck einer Vertretung Ost-Libyens zerstreut. Ein entsprechender Acht-Punkte-Plan sieht den baldigen Umzug des Rats in die Hauptstadt vor. Zu den Grundsätzen der neuen libyschen Regierung sollen Demokratie und Marktwirtschaft gehören – eine Staatsform, die unter Despot Gaddafi 42 Jahre lang unbekannt war.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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