Mutmaßlicher Mörder galt als perfekt integriert
Niederlande: Van-Gogh-Mord bewegt die Nation

Der eine schaut kess unter seinen rotblonden Locken hervor. Der Kopf des anderen ist kahl, aber auch er lächelt in die Kamera: Der Filmemacher Theo van Gogh und der rechtspopulistische Politiker Pim Fortuyn. Sie waren Freunde. Beide wurden aus politischen Gründen ermordet. Und beide werden zurzeit in den Niederlanden als Volkshelden gefeiert.

rur DÜSSELDORF. Das Foto tragen Freunde und Fans der beiden Männer auf T-Shirts mit der Aufschrift: "Unsere Helden des freien Worts". So bekleidet kamen in der vergangenen Woche einige Amsterdamer auch zum Prozess gegen Mohammed B., den mutmaßlichen Mörder van Goghs.

Der Wind hat sich gedreht in den Niederlanden. Bis vor einigen Jahren war Toleranz sozusagen staatlich verordnet. Die Bezeichnungen Ausländer oder Gastarbeiter waren quasi verboten. Politisch korrekt war ausschließlich Allochthone - Griechisch für "aus einem anderen Land". Die Neuankömmlinge bekamen kostenlose Kurse in niederländischer Sprache und Kultur. In eigenen Programmen sollten ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert werden. "Nur wegen dieser Extremsituation waren Ausbrüche wie Pim Fortuyn oder Theo van Gogh überhaupt erst möglich", sagt der Soziologe Meinert Fennema von der Universität Amsterdam. Die Niederländer stehen dabei vor einem ähnlichen Problem wie die Briten: Mohammed B. war in den Niederlanden aufgewachsen und hatte einen niederländischen Pass. Er galt als perfekt integriert. Erst kurz vor seiner Tat war er in den Extremismus abgedriftet. Der niederländische Geheimdienst AIVD konzentriert sich seit dem Mord an Theo van Gogh konsequent auf Terroristen im eigenen Land, während zuvor vor allem ausländische Gruppen beobachtet worden waren.

Die sonst so toleranten Bürger fordern nun strengere Bedingungen für Immigranten. In einer Umfrage der Tageszeitung "de Telegraaf" gaben 71 Prozent an, es sei zu einfach, die niederländische Staatsbürgerschaft zu bekommen. 89 Prozent forderten, dass die Neuankömmlinge zunächst eine Prüfung erfolgreich bestehen müssen. Darüber denkt jetzt auch die Regierung in Den Haag nach. Die Prüfung, deren Ergebnis bisher keine Auswirkung hat, könnte künftig über das Bleiberecht der Ausländer entscheiden.

Die Niederländer scheinen sich schon für ihren Helden entschieden zu haben: In Amsterdam soll nun ein Denkmal geschaffen werden - für den Verteidiger der Meinungsfreiheit, Theo van Gogh.

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