Nach 20 Jahren
Chiles Regierung steht vor der Abwahl

Chile steht vor dem Ende einer Epoche: Am Sonntag droht dem seit 20 Jahren regierenden Mitte-Links-Bündnis Concertacióndem die Abwahl. Gleichzeitig wählen die Chilenen den ersten Präsidenten seit dem Tod von Diktator Augusto Pinochet. Größte Chancen auf das Amt des Staatschef hat der konservative Multimillionär Sebastián Piñera.
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SANTIAGO DE CHILE. Wer in diesen Tagen in Chiles Hauptstadt Santiago nach Hinweisen auf die Präsidentenwahl sucht, muss genauer hinschauen. Wahlplakate sind zwar an manchen Orten massiv zu sehen, an vielen anderen aber gar nicht. In der Fußgängerzone Paseo Ahumada hasten die Menschen achtlos an den Ständen der Bewerber ums höchste Staatsamt vorbei, während die Wahlkampfhelfer der Hitze des nahenden Hochsommers mit einem Nickerchen im Schatten entkommen.

Die Chilenen zeigen wenig Interesse an der Abstimmung am Sonntag - dabei steht dem schmalen südamerikanischen Land das Ende einer Epoche bevor. Es ist die erste Präsidentenwahl nach dem Tod von Diktator Augusto Pinochet Ende 2006. Und es ist auch die erste Wahl, bei der laut allen Umfragen dem seit dem Ende der Militärdiktatur vor 20 Jahren regierenden Mitte-Links-Bündnis Concertación die Abwahl bevorsteht.

Stichwahl gilt als wahrscheinlich

Die besten Aussichten auf den Wahlsieg hat der Milliardär und Finanzinvestor Sebastián Piñera, der für ein Bündnis aus zwei Rechtsparteien antritt, von der eine viele enge Mitarbeiter Pinochets in ihren Reihen hat. Seit einem Jahr führt der 60-Jährige die Umfragen vor dem Bewerber der Concertación, Ex-Präsident Eduardo Frei, deutlich an. Für einen Sieg bereits in der ersten Runde wird es aber für Piñera kaum reichen. Ob er es dann in der Stichwahl am 17. Januar zum ersten konservativen Präsidenten Chiles seit 1958 schafft, hängt auch von Marco Enríquez-Ominami ab.

Vor einem halben Jahr war der smarte Abgeordnete der Sozialistischen Partei nur in Politikerkreisen bekannt. Dann trat er frustriert über die Verkrustungen und die Kungelei aus der Concertación aus und kandidiert seither als unabhängiger Linkskandidat. Ohne eine Partei im Rücken schnellte der 36-Jährige in den Umfragen auf knapp 20 Prozent und könnte sogar in die Stichwahl einziehen.

"Enríquez-Ominami ist wie der sprichwörtliche Kandidat, der aus der Kiste springt", sagt Marta Lagos, Direktorin des Meinungsforschungsinstituts Latinobarómetro. "Er bringt das seit Jahrzehnten festgezurrte System durcheinander". Der große Zuspruch seiner Kandidatur spiegle die tiefe Unzufriedenheit der Chilenen mit ihrer sozialen Situation wider.

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