Nach Abgas-Affäre Experten dringen auf realistischere Fahrzeugtests

Wie konnte es jahrelang zu auffälligen Schadstoff-Emissionen bei Diesel-Fahrzeugen kommen? Im Untersuchungsausschuss des Bundestags verweisen Experten vor allem auf eklatante Schwächen der Prüfmethoden.
Dass die Tests für den Abgas-Ausstoß von Fahrzeugen unzureichend waren, sei seit vielen Jahren bekannt, urteilen Experten. Quelle: dpa
Abgasmessung

Dass die Tests für den Abgas-Ausstoß von Fahrzeugen unzureichend waren, sei seit vielen Jahren bekannt, urteilen Experten.

(Foto: dpa)

BerlinDeutlich höhere Auto-Abgaswerte auf der Straße als in amtlichen Labortests sind nach Expertenangaben seit Jahren bekannt gewesen. In der EU geplante neue Messungen und Tests im realen Betrieb seien daher dringend nötig. Das betonten Sachverständige am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Diesel-Skandal. Hinweise auf Abgas-Manipulationen wie mit einer Software bei Volkswagen hatten die Experten nach eigenen Angaben nicht. Die Opposition warf der Bundesregierung Versäumnisse vor, die Koalition wies das zurück.

Seit 2006/2007 sei klar gewesen, dass der geltende EU-Testzyklus für Schadstoff- und CO2-Messungen bei der Zulassung neuer Fahrzeugtypen (NEFZ) ungenügend sei, machte Professor Stefan Hausberger von der Technischen Universität (TU) Graz deutlich. Diese auf Prüfständen simulierten Fahrten entsprächen bei weitem nicht einem wirklichen Fahren auf der Straße, wo Motoren stärker belastet werden. Geplante Messungen auf der Straße (RDE) seien zwingend erforderlich, sagte der Leiter Test und Technik beim Autofahrerclub ADAC, Reinhard Kolke. Zudem sollten Hersteller den Behörden ihre Motorsoftware offenlegen.

Professor Christian Beidl von der TU Darmstadt sprach sich für präzisere Festlegungen zu Abschalteinrichtungen der Abgasreinigung aus. Diese sind verboten, außer etwa zum Motorschutz. Auch dies dürfe aber nur in punktuellen Situationen der Fall sein, nicht dauerhaft.

So tricksen die Autobauer beim Diesel
Volkswagen
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Seit Monaten tobt der Dieselskandal bei Volkswagen. Der Auslöser: eine Software, die erkennt, ob ein Auto auf dem Prüfstand steht. Um die Abgasprüfer hinters Licht zu führen, erkannten die Fahrzeuge mit 1.2-, 1,6- und 2.0-Liter TDI-Motor beispielsweise ob das Lenkrad bewegt wurde. Mittlerweile müssen etliche Modelle des Konzerns, darunter auch Passat und Golf darum zurück in die Werkstatt.

Volkswagen
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Auch bei den Nachprüfungen des Kraftfahrtbundesamtes sind Modelle der Wolfsburger negativ aufgefallen. Fast 200.000 Fahrzeuge müssen zurück in die Werkstatt, weil eine gesetzliche Ausnahmeregelung wohl zu weit ausgelegt wurde. Bei einer zu hohen oder zu niedrigen Außentemperatur schalten die Fahrzeuge ihre Abgasreinigung ab. Die Hersteller begründen das mit dem Motorenschutz. Der Gesetzgeber sieht das offenbar anders. Betroffen sind der Amarok, aber auch der Lieferwagen Crafter.

Audi
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Und auch die VW-Premiumtochter Audi spielt im Dieselskandal eine größere Rolle als zunächst angenommen. Das illegale Abschaltung der Abgasreinigung, die den Skandal auslöste, soll sogar in Ingolstadt mitentwickelt worden sein. Auch in den jüngsten KBA-Nachprüfungen überschritten einige Audi-Modelle den gesetzlichen Grenzwert für den Stickoxid-Ausstoß. Unter anderem muss der Q5 zurückgerufen werden.

Porsche
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Auch bei Porsche gehörte der Betrug zum Geschäft. Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Dieselskandals musste auch der Sportwagenbauer eingestehen, dass seine 3-Liter-Dieselmotoren eine illegale Abschalteinrichtung enthalten. Auch bei den Nachprüfungen des KBA fiel ein Porsche-Modell unangenehm auf: ausgerechnet der kompakte Macan überschreitet die Stickoxid-Grenzwerte bei niedrigen Außentemperaturen.

Mercedes
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Die Sprachregelung bei Daimler wackelt: bisher hatten die Schwaben alle Vorwürfe, man habe beim Diesel betrogen weit von sich gewiesen. Doch bei den Nachprüfungen des KBA fielen A-Klasse, B-Klasse und V-Klasse aus dem Rahmen und müssen nun bei einem Rückruf überarbeitet werden. Alle haben übrigens eins gemeinsam...

Renault
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...Denn die Daimler-Diesel kommen aus einer Kooperation mit dem französischen Autobauer Renault. Der steht ohnehin schon unter Beobachtung der französischen Behörden, die nach dem Ausbruch des Dieselskandals mehrere Razzien bei Renault vornahmen. Der jüngste Bericht des KBA soll darum auch an die französischen Behörden weitergeleitet werden. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Opel
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Auch in Rüsselsheim sind die Dieselmotoren offenbar schmutziger als der Konzern es bisher zugegeben hat. Bei Zafira, Insignia und Cascada sind die Abgase wohl deutlich schmutziger, sobald die Temperatur unter 17 Grad fällt. Den vereinbarten Rückruf nennt man in Rüsselsheim "freiwillige Serviceleistung". Wohl auch um sich vor Schadenersatzforderungen zu schützen. Künftig sollen alle Modelle des Autobauers mit einem Harnstoff-Katalysator ausgerüstet werden.

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer sprach von „organisiertem Staatsversagen“. Durch ein Ignorieren der Probleme und zu wenige Ressourcen für Verbesserungen der Tests sei der Skandal erst möglich geworden. SPD-Verkehrsexpertin Kirsten Lühmann wies diese Vorwürfe zurück. Es sei zudem deutlich geworden, dass die Industrie nicht gebremst habe. Unions-Obmann Ulrich Lange (CSU) betonte, es habe keinerlei Hinweise auf vorsätzliche Manipulationen gegeben. Der Ausschuss-Vorsitzende Herbert Behrens (Linke) forderte: „Grenzwerte gehören nicht nur beschlossen, sie gehören auch eingehalten.“

Der von der Opposition beantragte Ausschuss soll klären, was die Bundesregierung seit 2007 in Bezug auf Abgasregeln unternommen hat und wann sie von den Manipulationen erfuhr. Volkswagen hatte eine verbotene Software eingesetzt, was zum Diesel-Skandal führte. Auch bei anderen Herstellern wurden später auffällige Abgaswerte entdeckt, etwa bei bestimmten Temperaturen. Weiteres Thema des Ausschusses waren Folgen von Stickoxid-Emissionen für Gesundheit und Umwelt.

  • dpa
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