
HB BERLIN. Wahrscheinlich sei aber der Ansatz wichtiger, Ratingagenturen auf europäischer und internationaler Ebene stärker zu kontrollieren, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in Berlin. „Im übrigen ist kein Marktteilnehmer daran gehindert, Ratingagenturen nicht so ernst zu nehmen, wie es heute getan wird“, sagte Schäuble.
Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Firmen und Staaten, aber auch die Qualität von Fonds und anderen Wertpapieren. Die Einstufung entscheidet darüber, zu welchen Konditionen Konzerne, Banken oder Länder auf den Kapitalmärkten Geld leihen können - je besser das Rating, desto niedriger die Zinsen. Im Weltmarkt sind nur drei Ratingagenturen mit weitem Abstand bestimmend: die US-Unternehmen Standard & Poor's und Moody's sowie die britische Agentur Fitch Ratings.
Aus der Finanz- und Wirtschaftskrise müsse schnellstens die Lehre gezogen werden, dass die Europäische Union „der Tätigkeit von Rating-Agenturen eigene Bemühungen“ entgegensetze, sagte Guido Westerwelle (FDP) den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe. „Rating-Agenturen dürfen nicht gleichzeitig Finanzprodukte entwickeln, vertreiben und bewerten.“
Auch die SPD sprach sich dafür aus, den Ratingagenturen das Wasser abzugraben. „Es darf nicht sein, dass das Schicksal ganzer Länder und letztlich die Stabilität des Euro einzig und allein vom Urteil einer Ratingagentur abhängt“, sagte der Vize-Sprecher der parlamentarischen Linken in der SPD, Carsten Sieling, Handelsblatt Online. „Deshalb brauchen wir zweierlei: Eine europäische Ratingagentur, die frei von politischer Einflussnahme agieren kann. Und die Einsicht, dass externes Rating in keinem Fall die eigene Risikoanalyse ersetzt.“
Blog-Kommentar: Sinnloses Geschimpfe auf die Ratingagenturen
Sieling sagte, nicht nur die Griechen hätten „gemogelt, auch die Ratingagenturen tragen mit ihrer aktuellen Bewertung maßgeblich zur Krise und deren Verschärfung bei“. Er kritisierte, dass die Politik durch Basel II den Ratingagenturen einen enormen Einfluss auf die Finanzmärkte übertragen habe, was sich jetzt räche. „Jetzt haben die Ratingagenturen mit ihrer Abwertung einen Schockzustand heraufbeschworen und die Lage zusätzlich destabilisiert“, sagte Sieling. „Daran hat die Bundeskanzlerin durch ihr Taktieren vor der NRW-Wahl Mitschuld.“ Beides sei geradezu eine Einladung an die Spekulanten.
Einen Tag nach der Herabstufung Portugals und Griechenlands hatte die Rating-Agentur S&P am Mittwoch auch die Kreditwürdigkeit Spaniens gekappt. Der Euro gab binnen Sekunden nach Bekanntwerden der Nachricht ebenso nach wie die Aktienmärkte.
Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnte am Mittwochabend auf einer Pressekonferenz eine Stellungnahme zu der jüngsten Herabstufung ab. Es sei nicht ihre Aufgabe, die Arbeit der Agenturen zu bewerten. Dagegen warnte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn davor, die Agenturen überzubewerten: „Ganz offensichtlich bekommen sie ihre Daten aus den Märkten. Man weiß also nie, ob sie die Märkte bewerten oder diese die Agenturen. Deshalb sollte man sie nicht zu ernst nehmen.“
ich habe immer angenommen, daß das Handelsblatt von seriösen, stark in der Wirtschaft verhafteten Menschen gelesen wird. Um so erstaunlicher finde ich die überwiegend sehr kritische Kommentierung der aktuellen Vorgänge zur Finanz-, bzw. Griechenlandkrise. Wenn die Systemkritik am Turbo-Kapitalismus ins Hb vordringt, muß die Lage ernst sein. Plötzlich wird klar, daß systemimmanente Mechanismen wie der Zwang zur Konzentration und Monopolisierung auf globaler Ebene immer mehr Verlierer hinterläßt und mit zunehmendem Machtzuwachs der globalen Player, die Macht der bevölkerung und auch ihrer Regierungen schwindet sich gegen betrug und Abzocke in Milliardenhöhe zu wehren. Gleichzeitig wird deutlich, daß die USA, wo Wirtschaft und Politik sehr viel enger verzahnt sind als in Europa (trotz berlusconi und Sarkozy) hier eine Schlüsselrolle spielen. Die alte bush Regierung hat Lehmann geopfert, um die Krise zu internationalisieren und die ganze Welt für eine hochriskante Politik der Vermögensbildung in den USA bezahlen zu lassen. Ob die aktuelle Ausweitung der Finanzkrise hin zu einer Gefährdung ganzer Staaten und des Euro (als Konkurrenzwährung zum Dollar) die Aktion einiger Spekulanten ist oder in Abstimmung mit Regierungskreisen gelenkt wird, muß im Augenblick Spekulation bleiben. Die weitere negative Entwicklung im Euroraum wäre jedoch auch im interesse der amerikanischen Politik. Man muß sich erinnern, daß alle Präsidentschaftskandidaten, ob Demokraten oder Republikaner, stets betont haben, daß die USA als natürlicher Führer der Welt zu sehen sind. Die europäische Politik ist aufgerufen hier unverzüglich zu Stärke und Unabhängigkeit zurück zu finden. Die Liste amerikanischer Verfehlungen ist lang, ob es um die Einhaltung des Völkerrechts oder die Kontrolle des Finanzwesens geht, überall wird uneingeschräkte Vorherrschaft angestrebt. bisher haben wir das Spiel mitgespielt, jetzt müssen wir eigene Regeln aufstellen. Europa muß sich wehren!
Soso, Herr Westerwelle, eine unabhängige europäische behörde.
ich stelle mir das gerade vor: Wenn man sich in etwa 15 Monaten auf ein Konzept hierzu geeinigt hat, dann braucht es etwas weitere 10 Monate bis sich Europa einig ist, wer in dieser behörde mitarbeiten darf (zugegeben, eine optimistische Annahme). Dann kommt diese behörde nach weiteren 11 Monaten zu dem Schluss, dass man vor 12 Monaten anders hätte reagieren sollen, weil da schon klar was, was passieren wird (hat man ja dann schon live miterlebt).
Wenn die Ratingagenturen dem Markt schon nur hinterherlaufen, dann sind die von der tollen neuen behörde beurteilten Sachverhalte doch schon längst Geschichte. Aber immerhin wissen wir dann, was hääte besser gemacht werden können, wenn denn ein "Entscheidungsträger" den Grips und den Mumm für eine Entscheidung gehabt hätte.
Schöne neue Welt.
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