Nach Anschlag in Karachi
Pakistanisches Militär startet Bodenoffensive

Pakistan weitet Angriffe auf Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer aus. Neben der Luftwaffe sind Bodentruppen in der Region Nord-Waziristan im Einsatz. Die Regierung schlägt nach dem Anschlag auf den Flughafen Karachi zurück.
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IslamabadDie pakistanische Armee hat nach eigenen Angaben am Sonntag einen „umfassenden Einsatz“ gegen Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer in der Unruheregion Nord-Waziristan gestartet. Der Vorstoß richte sich gegen „ausländische und örtliche Terroristen, die sich in der Region versteckt hielten, erklärte Armeesprecher Asim Saleem Bajwa. Ein Militärvertreter vor Ort in Miranshah sagte Luftwaffe, Artillerie, Panzer und Bodentruppen seien im Einsatz.

„Unsere heldenhaften Streitkräfte sind damit beauftragt worden, diese Terroristen ohne Ansehen ihrer Art gemeinsam mit ihren Zufluchtsorten zu eliminieren“, erklärte das Militär. „Indem sie Nord-Waziristan als ihre Basis nutzten, haben diese Terroristen einen Krieg gegen den pakistanischen Staat geführt.“ Der Einsatz sei auf Anordnung der Regierung von Premierminister Nawaz Sharif begonnen worden.

Bei einem ersten Luftangriff am frühen Sonntagmorgen als Reaktion auf den Anschlag auf den internationalen Flughafen von Karachi waren Dutzende Rebellen getötet. Kampfjets flogen Angriffe auf acht Verstecke in Nord-Waziristan, wie Geheimdienstmitarbeiter sagten.

Bei den Luftschlägen nahe der Grenze zu Afghanistan seien rund 80 Aufständische getötet worden, die meisten von ihnen Usbeken. Auch ein Munitionslager sei zerstört worden und ein Mitplaner des Angriffs auf den Flughafen starb.

Die pakistanischen Taliban (TTP) hatten sich zu dem Angriff in der Metropole bekannt. Die Regierung machte die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU) verantwortlich. TTP und IMU sind offiziell getrennt, operieren aber häufig gemeinsam.

„Uns wurde befohlen, reinzugehen und sie uns zu holen“, hieß es aus den Truppen in dem an Nord-Waziristan angrenzenden Standort Bannu. Im Armee-Hauptquartier in Rawalpindi bei Islamabad sagte ein Offizier, der nicht namentlich genannt werden wollte: „Es wird gegen alle Bösen gehen. Diesmal gibt es keine guten Taliban, schlechten Taliban.“ Auch die Formulierung in der Mitteilung der Armee, „Terroristen ohne Ansehen ihrer Art“ würden bekämpft, könnte darauf hindeuten, dass diesmal alle Extremistengruppen zum Ziel erklärt wurden.

Den pakistanischen Sicherheitskräften wird seit Jahren vorgeworfen, zwischen angeblichen „guten Taliban“, die von Pakistan aus Ziele in Afghanistan angreifen, und „schlechten Taliban“, die in Pakistan selber Anschläge verüben, zu unterscheiden. Gegen die „guten Taliban“ in Nord-Waziristan gingen die Streitkräfte bislang nicht vor.

Dazu zählt das Hakkani-Netzwerk, das die USA für die gefährlichste Taliban-Gruppe in Afghanistan halten. Das Netzwerk operiert von Nord-Waziristan an der afghanischen Grenze aus, verübt aber keine Anschläge in Pakistan. Washington verlangt seit Jahren von Islamabad, das Hakkani-Netzwerk in Nord-Waziristan auszuschalten. Das pakistanische Militär hat das bislang stets verweigert.

Premierminister Sharif war vor einem Jahr mit dem Ziel angetreten, den Konflikt mit den Extremisten in Pakistan friedlich zu lösen. Gespräche mit TTP-Unterhändlern blieben aber ergebnislos. Im April verlängerte die TTP unter ihrem Anführer Maulana Fazlullah eine ohnehin löchrige Waffenruhe nicht mehr. In der TTP haben sich mehr als ein Dutzend Extremistengruppen zusammengeschlossen.

Zehn Taliban-Kämpfer hatten den internationalen Airport der größten pakistanischen Wirtschaftsmetropole angegriffen. Dabei waren 36 Menschen gestorben, unter ihnen die Angreifer.

Zum Zeitpunkt des Luftangriffs am Sonntag waren die Kämpfer zusammengekommen, um über eine von den Behörden gesetzte Frist zu diskutieren, das Gebiet zu verlassen, teilten pakistanische Behörden mit. Diese Information konnte unabhängig nicht bestätigt werden. Die Stammesgegenden sind abgelegen, gefährlich, und es ist schwierig für Journalisten, Zugang zu ihnen zu bekommen.

Der Luftschlag war der zweite in dieser Woche gegen die Kämpfer im Nordwesten des Landes. Bereits am Dienstag hatten Jets neun Verstecke im Tirah Valley angegriffen, bei dem 25 mutmaßliche Rebellen getötet worden waren.

Durch den Angriff auf den Flughafen war die pakistanische Regierung noch stärker unter Druck geraten, die Rebellen zu bekämpfen. Ministerpräsident Nawaz Sharif war im letzten Jahr gewählt worden. Er hatte versprochen, die jahrelang andauernde Gewalt durch Verhandlungen anstelle militärischer Operationen beenden zu wollen. Allerdings gab es lediglich eine Runde direkter Gespräche zwischen beiden Seiten. Weitere Verhandlungen sind nun noch unwahrscheinlicher geworden.

Am Samstag war der christliche Abgeordnete Handery Masieh im Südwesten Pakistans von seinem eigenen Leibwächter erschossen worden. Masieh hatte sich vor seinem Haus in der Stadt Quetta mit Unterstützern getroffen, als der Wachmann das Feuer eröffnete, wie die Polizei mitteilte.

Der Bodyguard flüchtete, eine Fahndung nach ihm wurde eingeleitet. Warum er geschossen hatte, war unklar. Masieh war örtlicher Abgeordneter in Baluchistan, wo nationalistische Gruppen eine größere Beteiligung an den Gewinnen durch die dortigen Bodenschätze fordern. Auch Extremisten mit Verbindungen zu den Taliban und zur Al-Kaida verschanzen sich in der Gegend.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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