Nach Anschlagsversuch
USA nehmen Jemen ins Visier

Das vereitelte Attentat auf eine US-Linienmaschine rückt einen wenig beachteten Schauplatz des Antiterrorkampfs in den Blickpunkt: den Jemen. Bereits vor Monaten haben US-Geheimdienste im Stillen damit begonnen, eine neue Front im Kampf gegen die Terrorgruppe El Kaida zu eröffnen. Das Land ist auf dem Weg, eine El-Kaida-Fluchtburg zu werden.
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ben/ebo/HB NEW YORK/BRÜSSEL. Bereits vor Monaten haben US-Geheimdienste im Stillen damit begonnen, im Jemen eine neue Front im Kampf gegen die Terrorgruppe El Kaida zu eröffnen. Jetzt kommen diese Aktivitäten ans Licht, weil der nigerianische Attentäter behauptet, seine Bombe stamme von El-Kaida-Vertretern aus dem Jemen. Am Montagabend bekannte sich die Terrorgruppe Medienberichten zu Folge zu dem Anschlagsversuch, den sie als Vergeltung für die US-Aktivitäten im Jemen bezeichnete. Die Kurse an den US-Börsen drehten daraufhin ins Minus.

US-Sicherheitsdienste hatten in den vergangenen Monaten Parlamentarier auf die neue Gefahr hingewiesen. „Sie haben mir gesagt: Irak war der Krieg von gestern, Afghanistan ist der Krieg von heute, und Jemen wird der Krieg von morgen sein, wenn wir vorher nichts unternehmen“, erklärte der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses im US-Senat, Joseph Lieberman, jüngst in einem TV-Interview. „Der Jemen wird nun zu einem Zentrum des Kampfes“, fügte Lieberman hinzu. Er hat das Land im August besucht. Rund 70 Mio. Dollar wollen die USA in den nächsten 18 Monaten für die Terrorbekämpfung im Jemen ausgeben.

Jemen ist auf dem Weg zur El-Kaida-Fluchtburg

Das in weiten Teilen verarmte arabische Land liegt in direkter Nachbarschaft zu Saudi-Arabien am Golf von Aden, auf dessen afrikanischer Seite sich das im Chaos versunkene Somalia befindet. Mehrere Ereignisse der jüngsten Vergangenheit weisen Verbindungen in den Jemen mit seiner schwachen Zentralregierung auf. So hatte etwa US-Soldat Nidal Malik Hasan, der für die Ermordung von 13 Menschen auf dem US-Stützpunkt Fort Hood im November verantwortlich gemacht wird, Kontakt zu dem radikalen jemenitischen Muslimführer Anwar Al-Awlaki. Gemeinsam mit der Zentralregierung versuchen die USA die dortige Terrorgefahr zu entschärfen. Nach offiziellen Angaben wurden am 17. Dezember im Jemen mehr als 60 militante Islamisten bei einem Bombenangriff getötet. El Kaida auf der arabischen Halbinsel sagte dagegen, es seien Unschuldige getroffen worden, und kündigte Vergeltung an. „Wir werden nicht zulassen, dass das Blut muslimischer Frauen und Kinder vergossen wird, ohne Rache zu üben“, erklärte die Gruppe im Internet.

Neue Debatte über Mängel bei der Luftsicherheit

In den USA hat der von mutigen Passagieren und der Besatzung vereitelte Anschlag an Weihnachten die Debatte über Sicherheitsmaßnahmen wiederbelebt. Im Zentrum steht die Frage, warum der nigerianische Attentäter Umar Farouk Abdulmutallab trotz einer Warnung seines Vaters in die USA einreisen durfte. Vor anderthalb Monaten habe er die US-Behörden vor der Radikalisierung seines Sohnes gewarnt, erklärte der Vater, ein prominenter Banker, am Montag. Der 23-jährige spätere Attentäter war zwar von den US-Behörden in eine Datenbank aufgenommen worden, in der sich rund 500 000 Einträge über potenziell gefährliche Personen befinden. Es wurde aber weder sein über ein Jahr zuvor ausgestelltes US-Visum überprüft, noch erschien der Name Umar Farouk Abdulmutallab auf der US-Flugverbotsliste. Diskutiert wird nun, ob Menschen, die in der Datenbank geführt werden, bei der Einreise genauer durchsucht werden sollen. Das Problem: Da schon Gerüchte ausreichen, um in die Datei zu gelangen, würde dies viele Unschuldige treffen.

Es zeichnet sich ab, dass die Debatte ein politisches Nachspiel haben wird. Einige oppositionelle Abgeordnete machen bereits die „zu lasche Sicherheitspolitik“ der Regierung von Präsident Barack Obama für das erst in letzter Minute gescheiterte Attentat an Weihnachten verantwortlich.

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