Nach dem Anschlag
Die Türkei wird zum Schlachtfeld

Mit dem Bombenanschlag in der Türkei wird das Land zum Kriegsschauplatz. Der Anschlag spielt Staatspräsident Erdogan in die Hände. Dabei scheint er gar nicht zu begreifen, was sich da in seinem Land anbahnt.
  • 32

AthenDie Hinweise, dass die Terrormiliz des Islamischen Staats (IS) hinter dem Blutbad von Ankara steckt, verdichten sich. Der von türkischen Kurdenpolitikern geäußerte Verdacht, die islamisch-konservative Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan habe von den Anschlagsplänen gewusst und das Attentat nicht verhindert, ist so ungeheuerlich, dass man ihn kaum auszusprechen wagt. Dass solche Spekulationen nun ins Kraut schießen, ist allerdings nicht ganz unbegründet.

Man erinnere sich daran, dass die Regierung den IS im türkisch-syrischen Grenzgebiet lange ungestört gewähren ließ. Verwundete IS-Kämpfer wurden in staatlichen türkischen Hospitälern kostenlos verarztet. Die Dschihadisten konnten die Grenze ungehindert überqueren und die Südosttürkei als Transitkorridor für im Westen rekrutierte Kämpfer nutzen. Türkische Oppositionspolitiker glauben sogar Beweise dafür zu haben, dass der türkische Geheimdienst ganze Lkw-Konvois mit Waffen für den IS aus der Türkei über die syrische Grenze lotste. Die von Selahattin Demirtas, dem Vorsitzenden der pro-kurdischen Partei HDP, jetzt in den Raum gestellte Frage, ob der omnipräsente türkische Geheimdienst MIT von den Anschlagsplänen wirklich nichts mitbekommen hat, ist daher berechtigt.

Auch wenn man das als eine Verschwörungstheorie abtut, so ist doch offensichtlich: Der Anschlag spielt Erdogan in die Hände. Wenn die Regierung nun – wie es Erdogan, Premierminister Ahmet Davutoglu und Umweltminister Veysel Eroglu bereits wenige Stunden nach den Explosionen taten – die kurdische PKK als wahrscheinliche Hintermänner an den Pranger stellt, dann schürt sie damit jene innenpolitische Polarisierung, von der Erdogan und seine islamisch-konservative AKP bei der Parlamentswahl am 1. November zu profitieren hoffen. So stigmatisiert man die pro-kurdische Partei HDP, die als politischer Arm der PKK gilt, als terroristische Vereinigung, die nicht einmal davor zurückschreckt, ihre eigenen Leute abzuschlachten, um aus der Opferrolle politisches Kapital zu schlagen.

Die HDP ist Erdogans Hauptgegner in diesem Wahlkampf. Ihr Einzug ins Parlament bei der vorangegangenen Wahl im Juni kostete die AKP die absolute Mehrheit und vereitelte den Plan des Präsidenten, sich mit einer Verfassungsreform zum allmächtigen Staatschef aufzuschwingen. Bei der Wahl in zweieinhalb Wochen hofft die AKP, die absolute Mehrheit zurückzuerobern. Funktionieren wird das aber nur, wenn man die HDP schwächt oder am besten gleich ganz aus dem Parlament vertreibt. Erdogan versucht das mit Strafverfahren gegen führende HDP-Politiker – und indem er militante Kurden als Anstifter des Anschlags von Ankara hinstellt.

Kommentare zu " Nach dem Anschlag: Die Türkei wird zum Schlachtfeld"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @Herr Heinrichs

    Sie halten an den Auswirkungen der Ursachen weiter fest.

    Seehofer, Gauweiler, Petry, Orban und Co (Rechtspopulisten in Österreich, Holland, Frankreich). machen dass auch. Diese alle haben gemeinsam, dass sie jahrelang aussenpolitisch versagt haben. Dazu kommt das ewige Bangemachen vor der allzu bösen EU. Erst der Euro, jetzt die Flüchtlinge. Niemand wollte sich zentralistisch aus Brüssel vorschreiben lassen, was zu tun sei. KEIN vereinigtes Europa! UND heute schreien genau diese Personen nach Brüssel und fordern Gelder aus Brüssel. Diese Politiker haben alle eines gemeinsam - sie brauchen Menschen, die auf ihr populistisches Geschwafel hereinfallen und ihnen mit ihrer Stimme zur Macht verhelfen. Denen geht es nicht um eine Weiterentwicklung. Die sahnen hier und heute ab und spielen sich als Retter ihrer Nation auf.

    Nutzen Sie die Gelegenheit sich nicht aus der Presse, sondern über die vielfältigen Möglichkeiten, die sich im modernen Zeitalter der Technik bieten und bilden sie sich fort. Dazu müssen Sie vielleicht auch Texte in englisch, französisch oder spanisch lesen und verstehen können.

    Ich lebe weit weg von Deutschland und bin beileibe kein Troll, falls Se mich gemeint haben sollten. Die rechtspopulistische Entwicklung in Deutschland und das wiedererstarken einer "Nazitendenz" empfinde ich dennoch als sehr besorgniserregend. Wer sich dann auch noch anmaßt auf die Geschichte zu verweisen, zeigt, dass er wenig aus der Vergangenheit gelernt hat.

  • Das ist schon richtig. Aber im Umkehrschluß dürfte eigentlich Kriegsverbrecher "Napalm-Henry", wenn er seinen guten Freund Helmut Schmidt besuchen will, auch nicht nach Deutschland einreisen.
    Oh! - da fällt mir ein: Bei uns darf ja inzwischen buchstäblich jeder rein. Aber was heißt überhaupt noch "rein"? Grenzen sind abgeschafft.

    Über die Kosten dieser (hauptsächlich von Merkel initiierten) Völkerwanderung darf hier nicht mehr kommentiert werden. Wozu auch? Ist doch nur Bimbes!

    Und über die AfD wird hier nur noch berichtet, wenn Frau Petry was neues fürs Bett gefunden hat. Was diese Partei sonst noch so "treibt"? Uninteressant, unsere Blockparteien machen doch sowieso alles richtig! Eine Opposition oder andere Meinungen als die verordnete: Einfach nur lästig!

  • Wer hat den Nahen Osten in Brand gesetzt? Und wer hat die "Farb"-Revolutionen erfunden?
    Die Schweizer? Nein.
    Die Palästinenser? Nein.
    Die Israelis? Nein.
    Die Russen? Nein.
    Es mag eine Finte sein, aber offenbar gesteht der Drohnen-Nobelpreisträger neuerdings doch tatsächlich "Fehler" seines Landes ein.
    Wenn er es ernst meinen würde, dann soll er bitteschön auch einen der Hauptterrorfinanciers, nämlich Saudi-Arabien, auf die Schwarze Liste setzen.
    Aber den Petrodollar braucht man nun einmal dringend, gelle? Sonst geht nämlich der Status des USD als WeltleiDwährung flöten....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%