Nach dem Beben
G8-Gipfel in L'Aquila: Gefangen in Kulissen

Italien empfängt die Staatschefs der G8 in der kommenden Woche in L'Aquila, der im April von einem Erdbeben zerstörten Stadt. „Ein Zeichen der Hoffnung“ sei das, sagt Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Die Menschen dort wollten das glauben – doch nun fühlen sie sich als Staffage missbraucht.

L'AQUILA. Massimo Cialente musste von einem Tag auf den anderen den lichtdurchfluteten Palazzo Margherita verlassen, eine kilometerlange sandfarbene Betonmauer trennt ihn jetzt von der Außenwelt, vier Kilometer sind es bis zu seiner Stadt. Ein Unglück war passiert. Er wird jetzt von Uniformierten mit Maschinengewehren bewacht, die unten am Eingang stehen.

Die Mächtigen der Welt kommen, sie treffen sich ab kommendem Mittwoch zum Gipfel der großen acht Wirtschaftsnationen. Die Augen der Welt werden nicht auf ihn gerichtet sein, Cialente, aber doch auf seine Stadt. Und Cialente hat lange überlegt, ob er es zulassen darf, dass die Welt deren Wunden sieht. Es sind noch viele.

Drei Monate ist es her, dass die Abruzzen von einem Erdbeben heimgesucht wurden, dass die Erde aufriss und Häuser und ganze Orte in Schutthalden verwandelte und 287 Menschen starben. Und ganz besonders schlimm traf es L'Aquila. Die Kaserne von Coppito ist heil geblieben, die Schule der italienischen Finanzpolizei hat hier ihren Sitz. Und jetzt auch Massimo Cialente, Bürgermeister von L'Aquila.

Er hat nun zwei Aufgaben, die nicht zusammenpassen. Er muss zusehen, dass L'Aquila wieder aufgebaut wird, so schnell wie möglich. Aber der Wiederaufbau darf die Sicherheitsleute der Staatschefs nicht bei ihrer Arbeit stören, und er soll erst recht in den nächsten Tagen die Staatschefs nicht behindern, wenn sie versuchen, für die Medien aus ihrer Heimat eine gute Figur abzugeben. Und die Trümmer sollen auch liegen bleiben, damit der hohe Besuch die Zerstörung sieht.

Low Cost in den Bergen statt Luxus im Mittelmeer

Ist das jetzt L'Aquila, fragen sich die Leute im Ort: nur noch eine nützliche Kulisse der Verwüstung?

Eilig schreitet Bürgermeister Cialente durch einen Großraum in der dritten Etage, der nun eine Art Einsatzzentrale des Wiederaufbaus ist. Vorbei an den schulterhohen Trennwänden, hinter denen Feuerwehrleute in Grau, Zivilschutz in Dunkelblau, Soldatinnen in Camouflage und ordenbehangene Polizisten Einsätze besprechen, Wasserleitungen planen und Beschwerden entgegennehmen.

„Ein Zeichen der Hoffnung für die Abruzzen“ soll es sein, dass sich die Staatschefs in L'Aquila treffen, sagt Silvio Berlusconi. Italiens Staatschef ist der Gastgeber. Drei Wochen nach dem Erdbeben hatte er verkündet, dass der Gipfel umziehen werde: von der schönen Insel Sardinien, wo er ursprünglich stattfinden sollte, nach L'Aquila, in die verwundete Stadt. Low Cost in den Bergen statt Luxus im Mittelmeer. Für Berlusconi hat das zwei Vorteile: Er spart 220 Millionen Euro, und es kommen wohl weniger Demonstranten. Die Kritiker würden es sicher nicht wagen, „eine Stadt anzugreifen, die schon vom Erdbeben getroffen ist“, glaubt Berlusconi.

Die Menschen in L'Aquila hatten sich anfangs über seine Geste gefreut.

In der ersten Zeit nach dem Beben ließ sich der Ministerpräsident noch fast täglich in den Zeltstädten und zwischen den Ruinen sehen. Dann ließ das Interesse bald nach. Wenn die Welt auf L'Aquila blickt, hoffte Cialente, werde auch neue Hilfe für die Betroffenen kommen. Die Menschen in seiner Stadt hofften das auch. Sie sind sich aber nicht mehr so sicher.

Seite 1:

G8-Gipfel in L'Aquila: Gefangen in Kulissen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%