Nach dem Geiseldrama droht die Lage im Süden zu eskalieren
„Kaukasus kann Russlands Naher Osten werden“

Nach der Geiselkrise im nord-ossetischen Beslan droht im Kaukasus die Ausbreitung ethnischer Konflikte. Davor warnte Russlands Präsident Wladimir Putin, der die Bevölkerung aufrief, jetzt nicht Rache bei anderen Völkerschaften zu suchen.

MOSKAU. Die Lage im Kaukasus ist angespannt, nicht nur in Tschetschenien, wo 70 000 russische Soldaten eine Abspaltung der Teilrepublik von der Russischen Föderation verhindern sollen. Auch in anderen russischen Kaukasus-Republiken gärt es. „Es ist Zeit, sich Sorgen über die Lage im Nord-Kaukasus zu machen“, meint der Kaukasus-Experte des Institutes for War and Peace Reporting (IWPR), Thomas de Waal, zu der komplexen multi-ethnischen Region.

Neben dem Konflikt zwischen der zumeist moslemischen Bevölkerung der Republiken im Kaukasus und den orthodoxen Russen sowie Nord-Osseten leidet die Region unter hoher Arbeitslosigkeit, Armut und der zunehmenden Entfremdung vom Rest Russlands. Der Rassismus gegenüber den „Schwarzen“, wie die Nord-Kaukasier genannt werden, wächst. Die Führungen der meisten Republiken wurden nicht wirklich von der Bevölkerung gewählt, sondern vom Kreml durchgedrückt und gelten als hochgradig korrupt. Die Geiselnahme im nord-ossetischen Beslan könnte der Funken sein, der das Pulverfass in die Luft fliegen lässt. Aufgebrachte Angehörige verlangten in scharfen Tönen von den Sicherheitskräften die Namen und Nationalität der Geiselnehmer, um Blutrache an deren Verwandten zu üben. Einige drohten: „Wenn hier noch mal Tschetschenen oder Inguschen herkommen, bringen wir sie um.“

Inguschetien und Nord-Ossetien führten bereits 1992 einen ethnischen Krieg. Tschetschenen sind wegen des Rufs, Menschenhändler und Viehdiebe zu sein, in der ganzen Region schlecht angesehen. Im Juni waren rund 200 inguschetische und tschetschenische Kämpfer in Inguschetien eingefallen und hatten mehr als 100 Milizionäre, Soldaten und Zivilisten getötet. In Dagestan unterstellen sich bereits einige Provinzen nicht mehr der Zentralgewalt aus der Hauptstadt Machatschkala. Immer wieder kommt es zu Bombenanschlägen auf die politische Führung. Und das zu Georgien gehörende Süd-Ossetien strebt nach einer Vereinigung mit Nord- Ossetien. „In einer Generation wird der Nord-Kaukasus mehr an den Nahen Osten erinnern als an Russland“, sagt de Waal. Er warnt davor, „dass Islamisten, dort immer mehr Anhänger rekrutieren werden“. Einige haben den Traum noch nicht ausgeträumt von einem islamischen Kalifat von Rostow am Don und Samara an der Wolga bis hinein nach Kasachstan und Tadschikistan.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%