Nach dem Unfall in Tricastin
Immer neue Atomvorfälle in Frankreich

Durch Fehler bei Wartungsarbeiten wurden im französischen Atommeiler von Tricastin rund 100 Beschäftigte „leicht kontaminiert“. Trotz der Vorfälle will die französischer Regierung weiter am Bau neuer Atommeiler festhalten. Nun verlangt die französische Öffentlichkeit von der Regierung umfassende Aufklärung.

PARIS. Die Serie von Atomunfällen in Frankreich reißt nicht ab. Am Mittwoch sind im Atomkraftwerk am Standort Tricastin 100 Beschäftigte bei Wartungsarbeiten „leicht kontaminiert“ worden, teilte der Versorger EDF mit. Bei den Arbeiten wurde bei dem stillgelegten Meiler ein Schlauch geöffnet, wobei radioaktiver Staub freigesetzt worden ist, erklärte der Leiter des Atomkraftwerkes. Betreiber EDF sieht keine Gefahren für die Betroffenen oder die Umwelt. Die französische Atom-Aufsichtsbehörde ASN (Autorité de sûreté nucléaire) stufte den Vorgang mit „0“ ein, der geringsten Stufe der Gefahrenskala, die bis „7“ reicht. Gleichwohl nahm die Behörde Ermittlungen auf.

In der Öffentlichkeit löste der Störfall ein großes Echo aus, denn es handelt sich um den vierten Zwischenfall bei einer französischen Atomanlage in nur 14 Tagen: In der Nacht auf den 8. Juli waren auf dem Gelände der Firma Socatri, einer Entsorgungstochter des Nuklearkonzerns Areva, rund 70 Kilogramm uranhaltige Flüssigkeit freigesetzt worden. Erst Dienstag hatten die örtlichen Präfekturen alle Einschränkungen zur Nutzung des Trinkwassers aufgehoben. Tags darauf macht der Standort Tricastin nun erneut mit einem Zwischenfall Schlagzeilen. Zuvor sind am 17. Juli in einem Werk in Romans-sur-Isère bis zu 750 Gramm flüssiges Uran ausgetreten, hatte die Atomaufsicht gemeldet. Einen Tag später wurden 15 EDF-Beschäftigte bei Wartungsarbeiten in Saint-Alban laut EDF „sehr leicht“ kontaminiert.

Die Regierung bemüht sich, die Vorfälle nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. So hat Umweltminister Jean-Louis Borloo schon nach den ersten Zwischenfällen angeordnet, dass alle Grundwasserspiegel in der Nähe der 58 Atommeiler Frankreichs untersucht werden sollen. Das neu eingerichtete „Haut comité pour la transparence et l'information sur la sécurité nucléare“ soll darüber wachen, dass die Verantwortlichen unverzüglich, umfassend und verständlich sowohl die Aufsichtsbehörden als auch die Bevölkerung informieren.

Die Zeitung „Parisien“ schreibt, dass in Frankreich jedes Jahr rund 800 Zwischenfälle der niedrigsten Gefahrenstufe „0“ registriert würden. Dabei seien in nur rund 150 Fällen Menschen involviert. Bisher haben diese Vorfälle niemanden interessiert; doch seit dem ersten Unfall im Werk Socatri in Tricastin ist das Medienecho massiv gestiegen.

Die Umweltschutzvereinigung Criiad (Commission de Rechercheet d'Information Indépendantes) beklagte gestern, dass EDF keine genaueren Zahlen über das Ausmaß der Verstrahlung veröffentlichte. „Statt subjektive Einschätzungen wünscht unser Labor objektive Daten“, erklärte die Organisation, die 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe gegründet wurde, um unabhängig über Strahlengefahren zu informieren. Die Häufung der Zwischenfälle lege „einen besorgniserregenden Mangel der Sicherheitskultur“ an den Tag.

Doch noch scheint die Atomkraft den Rückhalt der Bevölkerung nicht verloren zu haben. „Le Monde“ veröffentlichte vergangene Woche eine Umfrage, denen zufolge nur 27 Prozent der Befragten die Risiken der Kernenergie als „besorgniserregend“ einstuften. 53 Prozent der Befragten sehen dagegen in der Klima-Erwärmung einen Anlass zur Sorge. Allerdings erhob das Institut Ipsos die Umfrage, bevor die weiteren Zwischenfälle publik wurden.

67 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, den Anteil der Atomkraft am Energiemix beizubehalten. Bei einer ähnlichen Umfrage im Jahr 2002 waren es nur 52 Prozent. Allerdings haben 70 Prozent der Befragten kein Vertrauen in die Regierung, und glauben nicht, von ihr vollständig über Probleme mit Kernkraft informiert zu werden. In Sachen Atomkraft sieht sich der französische Staat einer Reihe Interessenkonflikten gegenüber So gehören sowohl der Atomkraft-Werk-Betreiber EDF als auch der Nuklear-Konzern Areva mehrheitlich dem Staat. Auf der anderen Seite untersteht dem Staat aber auch die Nuklear-Aufsicht ASN.

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat sich bisher zu den Vorfällen nicht geäußert. Er hält an seinen Plänen fest, in Frankreich einen zweiten, neuen Reaktor mit der EPR-Technologie bauen zu lassen.

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