Nach den Anschlägen
Bombay: Die Verunsicherung bleibt

In den voll besetzten Zügen, auf den Straßen, in Läden und Büros von Bombay stellen sich die Menschen immer wieder dieselbe Frage: "Ist überhaupt noch jemand sicher?" Der Terror hat die indische 18-Millionen-Stadt erschüttert wie noch nie zuvor.

HB BOMBAY.Auch wenn Bombay schon früher verheerende Anschläge mit hunderten Toten erlebte und immer wieder schnell auf die Beine kam, scheint diesmal alles anders.

"Es gibt eine Grenze dafür, was eine Stadt verkraften kann", sagt die 33-jährige Hausfrau Ayesha Dar. "Diesmal ist es eine ganz, ganz andere Art von Angst. Es wird einige Zeit dauern, bis die Lage wieder normal ist." Rund 200 Tote und 300 Verletzte meldeten die Behörden am Samstag nach den koordinierten Angriffen mutmaßlich muslimischer Extremisten auf zehn Orte der Finanzmetropole und den rund 60 Stunden anhaltenden Kämpfen. Es wurde erwartet, dass die Zahl der Toten noch weiter steigt.

Sorge, Angst und Trauer halten die Stadt im Griff. "Kann es wieder passieren?" fragen sich die Menschen. "Die Leute sind besorgt, aber diesmal kommt auch die Wut dazu", sagt Rajesh Jain, Chef einer Maklerfirma. "Die Menschen sind aufgebracht über die Unfähigkeit der Behörden. Hat die Regierung den Willen, die Fähigkeit, die Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, anzupacken?" Trotz allem seien die Hälfte seiner 40 Mitarbeiter weiter zur Arbeit gekommen - in nur 500 Meter Entfernung vom Taj-Mahal-Hotel, in dem sich noch bis zum Samstag Extremisten verschanzt hielten.

Nach Beginn der Terrorattacke am Mittwochabend schlossen die Behörden die meisten der sogenannten weichen Ziele, darunter Schulen und Kinos. Am Montag sollen die Kinder von Ayesha Dar wieder zum Unterricht gehen, wie sie über ihr Mobiltelefon erfahren hat.

Die sonst brechend vollen Kinos sind noch weit von einem Normalbetrieb entfernt: "Ich kann nicht sagen, wann wir wieder öffnen", erklärt Karan Amin vom "Regal"-Kino. "Wer will denn kommen, wenn überall die Angst herrscht?"

Auch in den Restaurants bleiben die Kunden weg. "Die Leute kommen nicht in Restaurants oder Bars, wenn sie Angst haben", sagt Barbesitzer Pranav Desai. "Hier geht es um gut ausgebildete Extremisten, nicht irgendwelche Jungs, denen man sagt, sie sollen Bomben legen und verschwinden. Diesmal ist es nicht so einfach."

In den vergangenen Jahren hat Bombay mehrfach verheerende Terroranschläge und Tragödien überstanden. 2006 rissen sieben Explosionen in Zügen 187 Menschen in den Tod. Die Sprengsätze wurden zur Stoßzeit am Abend gezündet. Drei Jahre zuvor wurden mit Sprengstoff beladene Taxis vor dem "Gateway of India", einem Wahrzeichen der Stadt, in die Luft gesprengt. Die Explosionen auf einem belebten Markt gleich in der Nähe des Taj-Mahal-Hotels kosteten 52 Menschen das Leben. Nur Stunden später kehrte damals Normalität auf den Straßen ein.

1993 erschütterte eine Serie von 13 Bombenexplosionen die Stadt, 257 Menschen wurden getötet. Die Börse, vor der eine Autobombe hoch ging, wurde nicht einmal geschlossen.

Nach dem Zug des Terrors durch die Stadt in der zurückliegenden Woche sind sich die Einwohner von Bombay nicht so sicher, dass ihre Stadt sich bald wieder erholt. "Plötzlich fühlt sich keiner mehr sicher", sagt Joe Sequeira, Manager eines Restaurants nahe dem Oberoi-Hotel, welches ebenfalls Ziel der Terrorwelle war.

Langfristig lässt sich die Stadt nach Ansicht Sequeiras aber nicht unterkriegen. "Es wird dauern", meint er. "Die Leute haben Angst, aber sie werden merken, dass es nichts bringt, nur Angst zu haben und zu Hause zu sitzen." Das Leben müsse wieder in normale Bahnen gelenkt werden, betont er. "Wir haben keine Wahl."

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