Nach den Anschlägen in Bombay
„Wir Inder halten sehr viel aus“

Es ist kurz nach acht, die Stimmung im Frühstücksraum des Taj-Hotels Banjara in der IT-Stadt Hyderabad ist unaufgeregt. 850 km weiter im Nordwesten Indiens, herrscht im Flagschiff der indischen Hotelkette Taj, im Taj-Mahal-Palace in Bombay, schon die ganze Nacht Kriegszustand. Alle Nachrichtensender berichten ununterbrochen vom „Krieg in Mumbai“, wie Bombay heute heißt. Auch die Zeitungen haben die Terrorattacke bereits auf den Titelseiten. Doch im südlichen Hyderabad läuft im TV des Taj-Hotel die Wiederholung des Cricketspiels gegen die Briten vom Vorabend und auch die Sicherheitsschleuse vor dem Hoteleingang ist unbenutzt.

HYDERABAD. Der Terror, der das Wirtschaftszentrums Indiens erschüttert, hat sich herumgesprochen, aber er löst keine Panik aus. „Es ist schrecklich, was in Mumbai passiert, aber Sie werden sehen: Schon morgen werden die Leute dort wieder ganz normal zur Arbeit gehen“, sagt der Rektor der Universität Hyderabad, Seyed Hasnain, eine der besten fünf des Landes. „Wir Inder sind sehr belastbar“, versichert er seinen Gästen aus Deutschland, einer Delegation der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die eigentlich gekommen ist, um die viel versprechende Forschungsszene Indiens in Augenschein zu nehmen. Schließlich seien die Unruhen Moslems und Hindus von 2002 im Bundesstaat Gujarat, „ganz zu schweigen vom Massaker an den Sikhs nach dem Mord an Indira Ghandi“.

1984 ermordeten Sikhs Regierungschefin Indira Ghandi, nachdem sie den Sturm auf ihr Heiligtum, den Goldenen Tempel in Amritsar, Hochburg der Radikalen befohlen hatte. Die Folge war ein landesweites Pogrom, allein in Delhi kamen bei einem Blutrausch 2700 Sikhs ums Leben. 2002 löste ein Moslemanschlag auf Hindupilger ein Pogrom in der Nord-West-Provinz Gujarat nördlich vom Mumbai aus: Polizisten sahen bei Massenvergewaltigungen zu, und beim Verbrennen von Kindern. Mehr als 2000 Muslime verloren ihr Leben, 150 000 Hab und Gut.

Im Jahr 2008, am Tag nach den Attacken in Mumbai, sind auch die Chemie-Professoren der Uni Hyderabad zwar geschockt, aber mitnichten erschüttert. „Das trifft Indien ins Herz,“ sagt der junge Wissenschaftler V.Buskat, „aber mit den Anschlägen beispielsweise von London, kann man das nicht vergleichen“. An allem sei nur die mangelhaft ausgestattete Polizei und der Geheimdienst schuld, ereifert sich der Professor Mariappan Periasamy. „Es gibt viel zu wenige, und außerdem sind alle völlig korrupt“. Auch er glaubt, dass die Aufregung in ein paar Tagen vorbei sein wird.

Heute sei es doch viel besser als vor zwanzig Jahren, als sich Moslems und Hindus in Hyderabad „fast wöchentlich Schießereien lieferten“, erinnert Periasamy sich die Zeiten, als der Streit zwischen der Mehrheit und der verarmten Minderheit der Moslems noch alltäglich war. Das viele Geld, das mittlerweile nach „Cyberabad“, wie sie den Hightech-Bezirk Hyderabads nennen, fließt, habe die Lage jedoch schon lange beruhigt. „Jetzt sind es nur noch die Fanatiker“.

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