Nach den Anschlägen in Paris
„Warum passiert das immer hier bei uns?“

Der eine spielt „Imagine“ auf dem Klavier, andere tragen sich in das Kondolenzbuch im Bürgermeisteramt ein, wieder andere kehren an die Orte des Schreckens zurück. Szenen aus einer verwundeten Stadt.

ParisEine Stadt versucht, das Unbegreifliche zu erfassen, das ihr in der Nacht zum Samstag geschehen ist. Dafür ist es wahrscheinlich noch viel zu früh, denn noch sind ja nicht einmal die Einzelheiten der Anschläge, geschweige denn die Täter und ihre Hintermänner bekannt. Die Polizeiarbeit läuft noch auf Hochtouren. Und doch - irgendwie müssen die Franzosen ja mit dem Schrecken klar kommen, der in der ganzen Welt für Erschütterung sorgt.

Die Konzerthalle Bataclan, in der die meisten Opfer von den Terroristen erschossen wurden, ist von der Polizei noch weiträumig abgesperrt. „Hier kommen Sie nicht durch, die Kollegen arbeiten immer noch an der Spurensicherung“, sagt eine junge französische Polizistin, die hinter dem Gitter in der Rue Oberkampf steht. Ein paar hundert Meter weiter, am Boulevard Voltaire, bietet sich ein ganz anderes Bild: Auch dort eine Absperrung durch die Polizei, aber ein gutes Dutzend von Fernsehübertragungswagen hat den Platz in Beschlag genommen.

Auf einmal werden Klavierklänge laut. An einem alten, klapprigen Piano sitzt ein junger Mann im dunklen Anzug und spielt „Imagine“ von John Lennon. Kein Lied könnte besser zu der Stimmung dieses Tages passen. Menschen kann man ermorden, aber die Kultur nicht. Immer lauter ziehen die Klänge über den Platz. Schnell ist Lennons berühmtester Song zu Ende. Wortlos steht der Pianospieler auf, fährt mit einem Finger über die Augen, hängt sein Piano an ein Fahrrad und fährt davon.

Da ist sie wieder, diese französische Individualität, die man zunächst schon verschwunden wähnte. Eine Individualität, ein Wille zur Selbstbehauptung, die auch am Abend des 7. Januar, nach dem Mordanschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, deutlich wurden. Doch anders als damals gibt es heute keine Demonstrationen.

Ein paar hundert Meter vom Bataclan entfernt, vor dem Bürgermeisteramt des elften Arrondissements, ist ein einfacher Tisch mit einem DIN A4 Heft aufgebaut, das als Kondolenzbuch dient. Zwei Sträuße mit weißen Rosen liegen daneben. „Solidarität mit allen mit Bürgern, die um ihre Familienangehörigen trauern. Wir alle stehen aufrecht. Stopp der Barbarei“, lautet der erste Eintrag. Es folgen viele weitere, die meisten auf französisch, aber einige auch auf englisch, spanisch und russisch. „An alle Freunde von Pogo, die diese Nacht davon gegangen sind. Ihr werdet ewig in unseren Herzen sein. Punky“ hat ein Franzose in großen Druckbuchstaben in das Schulheft geschrieben. Ein Engländer oder Amerikaner gibt seiner Verstörung Ausdruck: „13 Stunden danach weiß ich immer noch nicht, wie ich mich fühle. Jemand trifft Freunde und kommt nie wieder nach Hause, einfach so.“

Ein französischer Kollege berichtet, dass er mit einem Mann mit starkem deutschen Akzent gesprochen habe, der auf der Mairie Neuigkeiten von seiner Frau suchte, die er seit der Nacht vermisst. Das Bürgermeisteramt hat eine Betreuungsstelle für Menschen eingerichtet, die während des Anschlages und der Geiselnahme nicht körperlich getroffen wurden, aber an der Seele verletzt sind. „Wir haben in dieser Nacht 167 Menschen betreut, und sie kommen auch jetzt noch, weil sie Hilfe suchen“, sagt Bürgermeister François Vauglin.

Wie viele Ausländer unter diesen Hilfesuchenden sind, weiß er nicht. Er selber habe von dem Angriff auf den Musiksaal erfahren, weil ihn eine Mitarbeiterin anrief. „Ich bin dann sofort in die Mairie, habe sie aufgemacht, um Menschen Hilfe anbieten zu können.“ Er erklärt sich den Anschlag mit dem Hass der islamistischen Fundamentalisten, die mutmaßlich dahinter stecken, mit ihrem Hass auf Vielfalt, Lebensfreude und den Optimismus der Jugend.

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„Ich komme, um mich in Trauer zu verneigen“

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