Nach den antisemitischen Krawallen
Frankreich unter Schock

Bedrückt nehmen die Franzosen zur Kenntnis, das das Phänomen dumpfer Antisemitismus wiederkehrt. Konservative Medien schieben die Schuld den Immigrantenkindern zu. Doch die Wirklichkeit ist deutlich komplizierter.

ParisDie Diagnose kommt vom Innenminister persönlich, und sie lässt keinen Widerspruch zu: „Der Antisemitismus in Frankreich existiert“. Am Tag nach den heftigen Ausschreitungen in Sarcelles, das rund 15 Kilometer von Paris entfernt ist, warnte Bernard Cazeneuve vor einer zunehmenden Judenfeindlichkeit, die auch gewalttätig werde. Am Sonntag hatten ein paar Dutzend Jugendliche eine verbotene Palästina-Demonstration unter ihre Kontrolle gebracht, sich eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert und mehrere Geschäfte geplündert. Dabei wurde auch ein jüdisches Geschäft zerstört und ein Brandsatz auf eine Synagoge geworfen, der allerdings keinen Schaden anrichtete. Bereits am Samstag hatte es mitten in Paris gewaltsame Ausschreitungen gegeben, als bei einer ebenfalls verbotenen Demonstration für Palästina nahe der Métrostation Barbès-Rochechouart Polizisten angegriffen wurden. „Tod den Juden!“ schrien einige der Jugendlichen und verbrannten israelische Fahnen.

Bedrückt nehmen die Franzosen zur Kenntnis, das ein Phänomen wiederkehrt, das sie für überwunden gehalten hatten: dumpfer Antisemitismus. Am Sonntag hat Premierminister Manuel Valls an die „rafle du vélodrome d’hiver“ erinnert. Am 16. Und 17. Juli 1942 verhaftete die französische Polizei 13.000 Juden, viele von ihnen wurden zunächst in der Radrennbahn eingesperrt. Valls sprach von „der Schande Frankreichs, das zum Komplizen der (deutschen) Besatzer wurde.“ Er hob hervor, dass 76.000 Juden von Frankreich aus in die Vernichtungslager deportiert wurden und nur 2 000 überlebten. Heute dürften Juden- und Rassenhass keinen Platz mehr in Frankreich haben, auch nicht unter dem Vorwand einer historischen Relativierung des Holocaust. „Wir werden nicht zulassen, dass einige Provokateure zu Gewalttätigkeiten zwischen religiösen und ethnischen Gruppen aufrufen.“ versicherte Valls.

Doch genau das geschieht mittlerweile, wie man am Wochenende erleben konnte. Konservative Medien wie der „Figaro“ sind nun schnell mit Vorwürfen zur Hand, das alles sei das Werk von Immigrantenkindern, „die Frankreich hassen und für deren Einstellung zu lange Entschuldigungen gesucht wurden.“ In Wirklichkeit ist die Sache deutlich komplizierter. Am Wochenende tobten sich Schlägerbanden aus, für die der Gaza-Krieg ein beliebig austauschbarer Anlass ist, um zu plündern, sich mit der Polizei zu schlagen und Feuer zu legen.

Und der neue Antisemitismus existiert nicht nur in den Kreisen der Nachfahren von Migranten aus Algerien, Tunesien und Marokko. Es gibt ihn auch bei vielen urfranzösischen Anhängern der Front National sowie bei Teilen der extremen Linken. Sie alle finden sich im Glauben an eine Weltverschwörung, die vom „internationalen Finanzkapital“ gelenkt werde. Und das wiederum beherrschten „die Juden“.

Diesen seltsamen Bogen der Extreme personifiziert jemand wie Alain Soral, der seine politische Laufbahn als Kommunist begann, dann in die Front National eintrat und sich heute als „französischer National-Sozialist“ beschreibt. Im Kopf seiner Webseite „Gleichheit und Versöhnung“ finden sich die Profile von Castro, Che Guevara, Hugo Chávez – und Jeanne d’Arc. In diesem kruden Eintopf köchelt der neue Antisemitismus heran als eine Idee, die 70 Jahre nach dem Holocaust immer noch oder wieder Menschen zur Gewalt gegen Juden anstachelt.

Mörderisch wurde diese Judenfeindlichkeit im März 2012, als Mohammed Merah Kinder und Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse tötete, und in diesem Frühjahr, als der Franzose Mehdi Nemmouche im Jüdischen Museum von Brüssel vier Menschen erschoss. Beide standen in Verbindung mit den Netzwerken der Dschihadisten und hatten sich in Trainingslagern aufgehalten. Die Sorge der Behörden ist, dass mehr und mehr fanatische Islamisten aus dem Milieu der Drogen- und Kleinkriminalität der tristen Vorstädte hervorgehen könnten.

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