Nach der Befreiung
Befreiter Deutsch-Afghane berichtet von Entführung

Afghanische Sicherheitskräfte haben einen in Kabul verschleppten Deutsch-Afghanen nach knapp zwei Wochen Geiselhaft aus der Gewalt einer kriminellen Bande befreit. Die Entführer drohten ihrem Opfer, ihm Hand und Ohr abzuschneiden, um Lösegeld zu erpressen.

HB KABUL/BERLIN. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes (AA), Jens Plötner, teilte am Donnerstag in Berlin mit: „Mit Erleichterung können wir bestätigen, dass der in Afghanistan entführte deutsch-afghanische Staatsangehörige seit heute morgen wieder in Freiheit ist.“ Dem Mann gehe es den Umständen entsprechend gut.

Der Sprecher des afghanischen Geheimdienstes NDS, Sayed Ansari, sagte in Kabul, der Mann sei in der Nacht zuvor im Distrikt Bagram nördlich von Kabul befreit worden. Drei junge Kriminelle seien festgenommen worden. Der Verschleppte Hadschi Asisullah, der in Kabul einen Hochzeitssaal betreibt, sagte bei einer Pressekonferenz im NDS-Hauptquartier in der afghanischen Hauptstadt, die Geiselnehmer hätten drei Millionen Dollar – knapp zwei Millionen Euro – Lösegeld verlangt. „Sie warnten mich, dass sie meine Hand und mein Ohr abschneiden würden, wenn nicht bezahlt würde.“

Asisullah trug bei der Pressekonferenz die von den Kidnappern verwendeten Ketten an Händen und Füßen, um die Bedingungen der Geiselhaft zu demonstrieren. Die Ketten wurden dann gelöst. Nach Angaben des NDS sind zwei der festgenommenen Geiselnehmer unter 20 Jahren, einer war etwa 25 Jahre alt.

AA-Sprecher Plötner teilte weiter mit, die befreite Geisel befinde sich in der Obhut der afghanischen Behörden. Botschaftsvertreter hätten ersten Kontakt mit dem Mann gehabt. Man danke der afghanischen Regierung und den afghanischen Sicherheitskräften. Erst am Mittwoch war bekanntgeworden, dass ein Geschäftsmann, der sowohl die deutsche als auch die afghanische Staatsangehörigkeit hat, in Kabul verschleppt worden war. Ein NDS-Offizier, der anonym bleiben wollte, sagte, der Mann sei im Distrikt Bagram in der Provinz Parwan rund 50 Kilometer nördlich von Kabul befreit worden.

Aus Sicherheitskreisen in Kabul hatte es am Mittwoch geheißen, der Geschäftsmann sei seit rund einem halben Jahr wieder in Afghanistan und abends nach der Arbeit in der Hauptstadt Kabul entführt worden. Man gehe weder von einem politischen Motiv noch von einem Bezug zu Deutschland aus. Offensichtlich handele es sich um einen Fall mit kriminellem Hintergrund und „um einen typischen Fall der hiesigen Entführungsindustrie“, hatte es weiter geheißen.

Entführungen mit kriminellem Hintergrund haben landesweit, aber auch in der schwer gesicherten Hauptstadt Kabul, deutlich zugenommen. Am 16. Dezember 2007 war der Deutsche Harald Kleber in der Provinz Herat im Westen des Landes entführt worden. Sein Schicksal ist weiter ungewiss.

Zwei Monate zuvor war der deutsche Bauingenieur Rudolf Blechschmidt nach fast dreimonatiger Geiselhaft frei gelassen worden. Die Taliban hatten vergeblich den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und die Freilassung islamistischer Kämpfer gefordert. Blechschmidts Kollegen Rüdiger D. hatten die Geiselnehmer nach einem Kreislaufkollaps erschossen. Alle anderen Entführungsopfer kamen nach teils kurzer Zeit wieder frei.

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