Nach der Europawahl in Frankreich
„Ja, ich bin schockiert!“

Unser Korrespondent ist fassungslos. Nicht nur über den Wahlerfolg der Rechtsextremen in Frankreich. Auch über den Umgang der Medien mit der Partei. Er berichtet, wie er ganz persönlich die Tage nach der Wahl erlebt.
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ParisAls am Sonntag die ersten Exit-Polls zu den Europawahlen kamen, traute ich meinen Augen nicht: Die Front National (FN) liegt vorne! Sicher, es gab entsprechende Umfragen – aber die Wirklichkeit ist noch einmal etwas anderes. Bei der Kommunalwahl waren die Rechtsextremen auf sechs Prozent gekommen. Und jetzt sollten die Franzosen sie zur stärksten Partei gemacht haben?

Zu meinen größten Überraschungen in den zweieinhalb Jahren, die ich jetzt in Paris lebe, zählt die Offenheit, mit der inzwischen über die Kollaboration mit den Nazis gesprochen wird. In zahlreichen Reportagen, Büchern und Fernsehfilmen wurde und wird auf den Eifer eingegangen, mit dem die französische Polizei und die anderen Mitarbeiter des Vichy-Regimes den Nazis in die Hände arbeiteten. Von früher war ich das nicht gewohnt.
Kollaboration war für mich ein Teil der Geschichte. Seit Sonntag ertappe ich mich aber bei dem Gedanken, wie es wohl heute wäre.

Sicher, die FN ist nicht die NSDAP. Sie hetzt nicht gegen Juden und hat sogar ihre ausländerfeindliche Rhetorik zurückgefahren. Doch ihr ideologischer Kern ist nach wie vor sehr ähnlich: Das Volk ist gesund, leidet aber unter dem Joch eines faulen Systems. Es gibt weder rechts noch links, sondern nur das Vaterland und seinen politischen Ausdruck, die FN. Das Parlament ist ein „fauler Zauber“ – die Nazis sagten Schwatzbude –, die regierenden Politiker stehen im Dienste des internationalen Kapitals – für die Nazis war es das „jüdische Finanzkapital“. Als neue Variante des Vaterlandsverrats hat die FN den Politiker erfunden, der als „Statthalter für Brüssel“ wirke. Liberalismus ist schlimm, weil er die patriotischen Werte relativiert, und demokratische Rechte kann man schon mal einschränken, wenn das Interesse des Vaterlands es verlangt.

Als vor rund 30 Jahren schon einmal die Front unerwartet stark wurde, gab es spontane Demos gegen die Rechtsextremen. Am vergangenen Sonntag blieben die Pariser zu Hause oder im Restaurant. Sicher tue ich dem Kollegen Unrecht, aber der Gedanke „Kollaborateur!“ zuckte mir durch den Sinn, als ein Reporter des (staatlichen) Fernsehens am Sonntagabend unterwürfig bei Jean-Marie Le Pen um ein paar Worte bettelte. Der Gipfel kritischer Berichterstattung bestand dann in der Frage: „Herr Le Pen, haben Sie selber mit einem so großen Erfolg gerechnet?“ Ich glaube, ich tue ihm doch nicht Unrecht: Wer sich so an einen Mann ranschmeißt, für den der Holocaust ein Detail und „Herr Ebola“ die Lösung für Afrikas Bevölkerungsprobleme ist, der hat das Zeug zum Kollaborateur.

Kommentare zu " Nach der Europawahl in Frankreich: „Ja, ich bin schockiert!“"

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  • Das Problem Frankreich ist auch durch die deutsche Politik der letzten 14 Jahre verursacht.
    Die deutsche Politik hat Deutschland zu einem Dumpinglohnland gemacht und das hat Frankreich schwer geschadet, da es da Mindestlöhne, geregelte Arbeitszeiten und große Beiträge für die Familien gab.
    Ausserdem hat Frankreich ein Ausländerproblem das wesentlich größer ist als in Deutschland.
    Die deutsche Politik hat den Rechten in Frankreich aber auch in anderen EU-Staaten Steilvorlagen gegeben.
    Die EU ist nicht wie die Kanzlerin groß heraus posaunte eine Friedensunion, nein so wie sie heute aufgestellt ist wird es große Verteilungskonflikte geben.
    Das weiss Frau Merkel genau, nur sie tut nichts, sie macht eine deutsche "Stillhaltepolitik" anstatt proaktiv gegen Rechts und die Ungleichgewichte in der EU vorzugehen.
    Dazu gehören auch unpopuläre Massnahmen wie korrekte Vertragseinhaltung, Austritt aus dem €, keine unbegrenzte Zuwanderung von Gästen über Umwege in Sozialsysteme u.s.w.
    Ich hoffe das die AfD eine Partei mit "Köpfchen" wird und noch rechtzeitig eingreifen kann, sonst geht die EU unter, das muß aber nicht das Ende Europas sein. Die EU ist nicht Europa, wenn das auch einige noch nicht bgriffen haben!

  • Bin ganz Deiner Meinung, Marc. Eine wie auch immer geordnete Insolvenz von Staaten sollte auch in einer EU möglich sein.

    Vor knapp 1-2 Jahren wurde das Thema ja mal kurz etwas intensiver in der Öffentlichkeit diskutiert, doch sehr schnell wurde es auch wieder verworfen, daß uns dies doch ganz, ganz viele Mrd. Kosten würde und es sich für uns (die Deutschen) nicht lohnen würde.
    Diesen Standpunkt halte ich ebenfalls für ein Ammenmärchen und ich freue mich über das für manche Leute überraschende Ergebnis. Wobei ich ja insgeheim mehr als 10% gehofft habe.
    Aber die Zeit läuft für AFD und andere EU-Kritiker. Wenn die EU ihre Politik nicht ändert, werden die nächsten Whlergebnisse noch krasser ausfallen.
    Und das Wichtigste, was noch fehlt: Einführung einer Haftung für Politiker (Politiker, die für Ihre Untreue und Fehlentscheidungen bestraft werden).
    Zum Beispiel fallen mir da der Berlin-Flughafen ein, wo Mrd. an Steuergeldern verschwendet werden und kein Schuldiger gefunden wird.
    Oder der ESM-Rettungsfonds, wo unsere Politiker unsere Rentengelder verballern. Denen müßten ihre Diäten-Renten später auf ein Minimum reduziert werden.
    Solange Politiker nicht für ihre Fehltsntscheidungen haften müssen, wird sich nichts ändern. Dahingehend müsste man was aufbauen.

  • Das Wahlergebnis war auch für Thomas Hanke vorauszusehen. Also braucht er jetzt nicht den Schockierten zu spielen. Die Wähler haben zum größeren Teil so gewählt, weil sie mit dem jetzigen Präsidenten und seiner Politik unzufrieden sind.

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