Nach der Revolte
Deutsche Firmen in Ägypten produzieren wieder

Arbeiter kehren von den Protesten in die Fabriken zurück und Produktionsbänder laufen wieder an. Ägyptens Wirtschaft kehrt nach der Revolte zurück zur Normalität. Auch deutsche Experten könnten schon bald an den Nil zurückkehren.
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Kairo/Zürich/BerlinDie ägyptische Wirtschaft strebt nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak den Weg zur Normalität an. Gestern verkaufte das Finanzministerium erstmals seit dem Abgang des Despoten am Freitag Schatzbriefe im Wert von 6,5 Milliarden ägyptischen Pfund (umgerechnet 1,1 Milliarden Dollar). Vor allem ägyptische Banken kauften die Anleihen, die Regierung muss aber mit etwa elf Prozent die höchsten Renditen seit zwei Jahren dafür zahlen. Kairos Börse soll am Mittwoch öffnen, teilte die Finanzmarktaufsicht mit. Sie war am 30. Januar geschlossen worden, nachdem der Leitindex EGX30 um 17 Prozent gesunken war.

Auch die deutsche Industrie am Nil kehrt zur Normalität zurück: Daimler, BMW, Siemens und andere deutsche Firmen haben ihre Produktion wieder ins Laufen gebracht. RWEs Öltochter Dea ließ während der ganzen Krise bohren – im protestfreien Golf von Suez und der Wüste. Heute wollen die großen deutschen Firmen nach Handelsblatt-Informationen aus Industriekreisen über die Rückkehr ihrer deutschen Unternehmensvertreter entscheiden. Sie waren zu ihrer Sicherheit auf dem Höhepunkt der Krise ausgeflogen worden, nachdem unter anderen zwei Makro-Märkte des Metro-Konzerns und Carrefour-Malls geplündert worden waren.

Betroffen von massiven Streiks sind momentan nur staatliche ägyptische Firmen, wo die Arbeiter höhere Löhne erkämpfen wollen. Telecom Egypt versprach bereits Gehaltserhöhungen von 15 Prozent, um seine Angestellten zurück zur Arbeit zu holen.

Nach dem Sturz Mubaraks sichert auch die Bundesregierung der ägyptischen Wirtschaft sowie den deutschen Firmen vor Ort Unterstützung zu: „Wir stehen bereits mit den Wirtschaftsverbänden in engem Kontakt und arbeiten gemeinsam mit ihnen daran, die freiheitlichen Kräfte in Ägypten zu stützen“, sagte Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, dem Handelsblatt. Er war am Freitagabend in Berlin mit Wirtschaftsvertretern zusammengetroffen, um über die Lage in Nordafrika und im Nahen Osten zu beraten.

Von der deutschen Industrie seien insbesondere die Tourismusbranche und die Automobilindustrie betroffen, verlautete aus der Runde. Lieferketten der Autoindustrie seien durch Streiks unterbrochen worden. Die Tourismusbranche verliere täglich 30 Millionen Dollar, berichteten Teilnehmer. In Deutschland seien rund 50 Reiseveranstalter existenziell gefährdet. „Vielleicht ist der Aufbruch auch eine Chance für die deutsche Wirtschaft. Wir können mit Zuversicht und Qualität punkten“, sagte Pfaffenbach. Es sei allerdings noch offen, wohin der Weg der Wirtschaftspolitik in diesen Ländern gehe – in Richtung Liberalismus oder Protektionismus.

Unmittelbar nach dem Rücktritt Mubaraks sperrte die Schweiz seine Konten in der Alpenrepublik. Auch der Verkauf etwaiger Immobilien wurde verboten. „Damit will der Bundesrat jegliches Risiko einer Veruntreuung von staatlichem ägyptischem Eigentum vermeiden“, teilte die Regierung in Bern mit. Betroffen ist nicht nur Mubarak, sondern auch sein „Umfeld“, heißt es in der Schweizer Anordnung. Dazu gehören Mubaraks Frau Suzanne, seine beiden Söhne, deren Frauen sowie sein Schwager. Auch vier ehemalige Minister sollen nicht mehr an ihr Geld in der Schweiz kommen. Wie viel Geld der Mubarak-Clan in der Schweiz hat, ist nach wie vor unklar. Spekuliert wird über ein Vermögen zwischen drei und 40 Milliarden Dollar.


Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
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