Nach der Wahl in Nigeria: Nichts für Nervenschwache

Nach der Wahl in Nigeria
Nichts für Nervenschwache

Nigeria in einem Teufelskreis aus Korruption, Gewalt und Armut: Die Wahl von Ex-General Buhari ist ein kleiner Lichtblick. Doch allein die Öl-Mafia zu zerschlagen, ist eine Herkulesaufgabe. Und Boko Haram wütet weiter.
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Johannesburg/LagosWahlen in Nigeria sind noch nie etwas für Nervenschwache gewesen: Bislang mündete fast jeder Urnengang in Aufruhr und Gewalt, weil die Wahlverlierer, oft aus gutem Grund, ihre zumeist durch eklatanten Betrug verursachte Niederlage nicht anerkennen wollten und sich mit allen Mitteln dagegen stemmten. Bei der letzten Wahl vor vier Jahren waren im Nachgang fast 1000 Menschen getötet worden.

Umso ermutigender ist es, dass es diesmal trotz einer von viel Misstrauen begleiteten, sechswöchigen Verlegung der Wahlen von Mitte Februar auf Ende März ganz anders kam: Erstmals seit der Unabhängigkeit des Landes vor 55 Jahren scheint es in dem westafrikanischen Ölstaat zu einem Machtwechsel von der Regierung zur Opposition zu kommen – noch dazu ohne größeres Blutvergießen.

Weit deutlicher als erwartet hat ein Bündnis um den 72 Jahre alten Ex-General Muhammadu Buhari die Wahl gegen den Amtsinhaber Goodluck Jonathan und dessen regierende People's Democratic Party (PDP) gewonnen. Dies ist schon deshalb eine tiefe Zäsur für das Land, weil die PDP zuvor alle Wahlen seit dem Ende der Militärherrschaft im Jahr 1999 für sich entschieden hatte und Nigeria entsprechend klar dominierte.

Die Gründe für den Machtwechsel sind vielschichtig: Zum einen ist da die tief im System verankerte Korruption. Für ihr enormes Ausmaß wird von vielen inzwischen die Regierungspartei um Jonathan verantwortlich gemacht. Zwar hat die PDP die Korruption gewiss nicht erfunden, aber jahrelang auch nichts getan, um diesem gesellschaftlichen Übel endlich entschlossen Einhalt zu gebieten. Als der Notenbankchef vor zwei Jahren 20 Milliarden Dollar für unauffindbar erklärte, wurde der mutige Mann kurzerhand geschasst.

Daneben hat Jonathan dem Treiben der islamistischen Terrorbande Boko Haram viel zu lange tatenlos zugeschaut. Monatelang konnten die Dschihadisten ungehindert im Nordosten des Landes wüten und dabei Tausende von Menschen massakrieren, ohne dass der Staat einen Finger gekrümmt hätte.

Symptomatisch für das Versagen des Staats ist aber auch, dass die vor einem Jahr entführten mehr als 200 Schülerinnen, deren Schicksal damals weltweit für Empörung sorgte, bis heute verschollen sind. Erst das Eingreifen der kampferprobten Armee aus dem benachbarten Tschad sowie die Rekrutierung südafrikanischer Söldner haben die Islamisten zuletzt in die Defensive getrieben – und gezeigt, was bei einem schnelleren Handeln der Regierung seit langem möglich gewesen wäre.

Vielleicht am wichtigsten für den überraschenden Ausgang der Wahl war jedoch die Einführung einer biometrischen Wählererkennung, die den bislang weit verbreiteten Wahlbetrug in Nigeria enorm erschwerte. Das Verdienst für diese entscheidende Reform gebührt ausgerechnet dem nun abgewählten Staatschef. Genau so hoch ist ihm anzurechnen, dass er sich an sein Versprechen hielt und die eigene Niederlage frühzeitig akzeptierte – ein in Afrika höchst seltener Vorgang, der die aufgeheizte politische Atmosphäre schon kurz nach der Wahl spürbar entspannte.

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