Nach der Wahl
Islands Frau für Mammutaufgaben

100 Gesetze in 80 Tagen hat sie schon geschafft. Jetzt werden es wohl noch einige hundert mehr. Johanna Sigurdardottir und ihre sozialdemokratische Allianz schafften den erwarteten Erdrutschsieg bei den vorgezogen Neuwahlen auf Island.

REYKJAVIK. Zusammen mit dem Koalitionspartner, dem links-grünen Bündnis, kommt die neue Regierung auf fast 53 Prozent der Stimmen. Großer Verlierer ist die konservative Unabhängigkeitspartei, die mehr als ein Drittel ihrer Wähler verlor. Damit gibt es im Parlament in Reykjavik eine absolute Mehrheit für den erforderlichen und schmerzhaften Reform- und Sanierungskurs in den kommenden vier Jahren. Noch in der Wahlnacht sagte eine sichtlich gerührte Sigurdardottir, dass sich die Wähler für „eine andere Moral“ entschieden hätten, dass die Zeit des Neoliberalismus vorbei sei.

Die 66-jährige Sigurdardottir wurde bereits im Februar dieses Jahres Chefin einer Übergangsregierung. Vorausgegangen waren Straßenproteste nach dem nur in letzter Sekunde abgewendeten Staatsbankrott. Der Fast-Zusammenbruch war durch die zügellose Expansion der größten drei, mittlerweile verstaatlichten, Banken entstanden und konnte nur durch einen Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds verhindert werden. Die bürgerliche Regierung wurde nach fast 18 Jahren an der Macht aus dem Amt getrieben und Sigurdardottir übernahm übergangsweise das Krisenmanagement. Nun ist sie nun Islands erste gewählte Regierungschefin.

Die einstige Stewardess ist ein Politprofi. Seit 1978 sitzt die bekennende Homosexuelle im isländischen Parlament und hat sich in dieser Zeit den Ruf einer ehrlichen und engagierten Politikerin erworben. Die kleinen Leute waren für sie immer ganz groß, als Gewerkschafterin setzte sie sich früh für Arbeitnehmerrechte ein. Viel wichtiger noch: Die isländische Politik ist seit Jahrzehnten durch Vetternwirtschaft geprägt. Die „heilige Johanna“, wie sie von ihren Anhängern liebevoll bezeichnet wird, hat diese Ränkespiele stets offen bekämpft. Heute zahlt sich ihre konsequente Haltung aus: In der schwersten Krise des Inselstaates im Nordatlantik vertrauen ihr die Menschen.

Jetzt geht es um die Stabilsierung der Wirtschaft. Und für den von ihr angestrebten EU-Beitritt muss sie den links-grünen Koalitionspartner umstimmen und die Bevölkerung, die mehrheitlich gegen EU und Euro ist, von den Vorteilen eines Beitritts überzeugen. Doch gelingt das überhaupt jemandem auf Island, dann ist das Johanna Sigurdardottir.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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