Nach Gewaltexzessen
Ägypten droht der Bürgerkrieg

In Ägypten geht der Sicherheitsapparat mit brutaler Härte gegen protestierende Islamisten vor. Nach den Gewaltexzessen vom Wochenende mit vielen Toten steht das Land am Abgrund. Das setzt auch die USA unter Druck.
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Kairo/WashingtonNach den Gewaltexzessen gegen Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi in der ägyptischen Hauptstadt Kairo droht das bevölkerungsreichste arabische Land in den Bürgerkrieg abzugleiten. Die USA verstärkten ihren Druck auf die Militärmachthaber, demokratische Grundrechte zu wahren und warnten, das Land stehe vor dem Abgrund. Eine direkte Schuldzuweisung vermied die Regierung des wichtigsten Verbündeten aber erneut.

Beim äußerst gewaltsamen Vorgehen von Polizei und Armee gegen Muslimbrüder starben am Samstag nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 65 Menschen. Mursis Muslimbrüder sprachen über 100 Opfern der Polizeigewalt. Nach Angaben der Rettungsdienste starben 72 Menschen.

Im Feldspital der Muslimbruderschaft vor der Raba-al-Adawija-Moschee wurden Tote und Schwerverletzte, in blutverschmierte Decken und Laken gehüllt, angeliefert wie am Laufband. Die Ärzte operierten sprichwörtlich im Blut watend.

In den Stunden zuvor waren die Mursi-Anhänger am Samstag von ihrem Protestcamp bei der Moschee im Kairoer Stadtteil Nasr City losgezogen, um die Stadtautobahn zu blockieren. An der nahe gelegenen Auffahrt prallten sie mit der Bereitschaftspolizei zusammen. In der stundenlangen Straßenschlacht schossen die Polizisten mit scharfer Munition.

Augenzeugen zufolge hatten Polizisten mit Helmen und schwarzen Uniformen zunächst Tränengas auf die Demonstranten abgefeuert. Dann sei scharf geschossen worden. „Auf den Dächern waren Scharfschützen. Ich konnte die Kugeln hinter mir zischen hören“, sagte ein Anwesender: „Die Leute fielen einfach um.“ Es ist bereits das zweite Mal in diesem Monat, dass es zu Massentötungen von Muslimbrüdern kommt. Am 8. Juli hatten Sicherheitskräfte 53 Mursi-Anhänger erschossen, die nach offizieller Darstellung das Gebäude stürmen wollten, in dem Mursi festgehalten werden soll.

Die islamistischen Unterstützer des inhaftierten Ex-Präsidenten Mursi und auch Sanitäter gaben an, dass vielen Opfern in den Kopf geschossen worden sei. Innenminister Mohamed Ibrahim bestritt, dass die Polizei scharf auf die Menge geschossen habe. Zugleich drohte er mit der Räumung des Protestlagers - was eine weitere Eskalation bedeuten würde.

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  • Mal kurz zusammenfassen was wichtig ist. Ägypten existiert als Staat seit ca 5000 Jahre, dessen Hochkultur uns in etlichen Bereichen heute noch prägt und beeinflusst. Dieses Volk hat seit 5000 Jahre keine Erfahrung mit Demokratie -wohl aber mit Gottesherrschern und Diktatoren. Die Probleme Ägyptens sind : zu viele Menschen, zu wenig Nahrungsproduktion, kaum nennenswerte Industrie, korrupter Staat, zu viele Beamte daher zu viel Bürokratie, zu niedrige Löhne, kaum Möglichkeiten mit eigener Hände Arbeit richtig Geld zu machen, zu viele Staaten, die mitbestimmen möchten, weil sie Geld zur Verfügung stellen und keine Chance auf Selbstbestimmung und Menschenrechte.
    Die Muslimbrüder, wie alle anderen Organisationen, die die US-amerikanische Dominanz nicht akzeptieren wollen (kulturell, zivilisatorisch, religiös und wirtschaftlich)werden nicht akzeptiert und letztendlich plattgemacht. Iran, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien und nun auch Ägypten. Rußland entging wie China durch Masse und Größe vor allem aber durch nukleare Bewaffnung diesem Schicksal. Indien ebenso. In Pakistan und Nordkorea wird noch zäh Widerstand geleistet. Deutschland heult mit den Wölfen und opfert gerne die Grundrechte um sich Lieb Freund zu machen. Was würde mit Deutschland geschehen, wenn es sich von den Fesseln der EU befreien würde. Fremdbestimmung ablehnen und alle Stützpunkte der ex Siegermächte schließen würde? Die Datenhoheit zurückholte und sämtliche Informationen stoppen würde, die bis jetzt an die USA gehen? Dass die Ägypter nach 5000 Jahre ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen ist legitim. Dass dies nicht ohne Irrungen und Wirrungen klappt ist offensichtlich. offensichtlich ist aber auch, dass USA und andere mit allen Mitteln ihre Interessen in dieser Region durchsetzen wollen. Und diese Kräfte pfeifen auf Recht und Gesetz. Massenmord ist eingeplant, die Richtung dem Militär vorgegeben. Algerische Zustände für einige Jahre einkalkuliert. Alea jacta est...

  • Was soll die Heuchelei wer wurde denn rechtmäßig und demokratisch ins Amt gewählt? Und jetzt da es anscheinend denn säkularen Heeren nicht passt, wird kurzen Prozess gemacht und geputscht, feine Demokratie und dann wird noch gezielt gemordet weil Mann sich dagegen wert.

  • Leute , Leute!! Nun schlatet doch einfach den verbliebenen Menschenverstand ein, gleichzeitg am Besten noch eine Geopolitische Weltkarte zur Hand nehmen und die Ölförderspots markieren...Klingelts?
    Es ist i.m.A völlig unmöglich ALLE Länder dieser Welt zu unterjochen und zu demokratisieren (auch wenn der Prozess schon weit fortgeschritten ist)- von Völkerrecht mal ganz zu schweigen.

    Die Entscheidende Frage ist; wer hat Interesse an einer militärisch intallierten Pseydo-Demokratie? Und welche Rolle spielt der Suez Kanal bzw. dessen Kontrolle?

    Nur Denkanstöße fern der gängingen Massenmedien!!!

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