Nach Gewaltwelle
In Sao Paulo kehrt wieder Ruhe ein

Nach einer der blutigsten Mafiaoffensiven in der Geschichte Brasiliens hat sich die Lage in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo beruhigt. Die Regierung soll ein Abkommen mit den Kriminellen geschlossen haben.

HB SAO PAULO. Bei der Gewaltwelle in Sao Paulo und dem Umland sind mindestens 115 Menschen getötet worden. Am Dienstag gab es jedoch Anzeichen für ein Abebben der seit drei Tage währenden Gewalt. In Medienberichten hieß es, die Regierung des Bundeslandes habe eine Übereinkunft mit der Mafiagruppe „Erstes Hauptstadt-Kommando“ (PCC) erzielt. Gouverneur Claudio Lembo bestritt aber Berichte, nach denen er Zugeständnisse gemacht habe. „Wir verhandeln nicht mit Banditen“, sagte auch ein Lembo-Sprecher.

Die Aktionen sind nach Behördenangaben eine Antwort der Mafia auf die Zwangsverlegung von rund 740 Gefängnisinsassen. Dabei waren unter anderem auch acht Mafiabosse in Isolationshaft verlegt worden. Hinter den Anschlägen wird das „Erste Hauptstadt-Kommando“ vermutet, das von hinter Gittern sitzenden Drogenbossen angeführt wird.

Gouverneur Lembo wies auch am Dienstag ein Hilfsangebot der Zentralregierung in Brasilia zurück. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der die Gewaltwelle als „Provokation“ des Organisierten Verbrechens kritisierte, hatte die Entsendung von 4000 Angehörigen der Streitkräfte angeboten.

Am Montag war die Stadt durch die Gewalt praktisch lahm gelegt worden. Zahlreiche Schulen, Universitäten, Firmen, Läden und Bahnhöfe blieben geschlossen. Die Geschäftsstraße Avenida Paulista war am Montagabend wie leergefegt. Zwischen Freitagabend und Montag wurden den jüngsten Angaben zufolge rund 250 Anschläge unter anderem auch in Stadtvierteln der Reichen verübt. Dabei wurden Granaten und Maschinengewehre benutzt. Am hellichten Tage wurden etwa 90 Busse in Brand gesetzt, Bankfilialen und Bahnhöfe mit Schüssen und Molotowcocktails angegriffen.

„Wir befinden uns in einem wahren Krieg gegen die Mafia“, sagte der Landespolizeichef Elizeu Borges. Er kündigte eine „Gegenoffensive“ der Polizei an. Am Dienstag gab es bereits erste deutliche Hinweise auf Übergriffe der Staatsmacht. Familien aus Slumgebieten beklagten, maskierte Polizisten hätten unschuldige Jugendliche in den vergangenen Tagen „regelrecht hingerichtet“. Ein 49-jähriger Klempner sagte, sein 16-jähriger Sohn Ricardo sei am Montag nach einem Besuch bei der Freundin von Sicherheitsbeamten grundlos getötet worden. Es soll viele andere ähnliche Fälle gegeben haben. Der Menschenrechtsbeauftragte der Regierung in Brasilia, Paulo Vanucchi, warnte vor „unkontrollierten“ Reaktionen.

Fotostrecke: Gewalteskalation in Sao Paulo

„Was bei uns gerade passiert, überrascht mich nicht. Der Staat zerfällt und produziert Gewalt“, meint der sozialkritische Filmemacher José Padilha. Die Lage in den Gefängnissen sei katastrophal, die Verbrecher hätten nichts zu verlieren. „Und warum soll ein Polizist täglich sein Leben riskieren, wenn er 700 Real (etwa 270 Euro) verdient?“, erklärt Padilha die Korruption.

Claudio Abramo von der Nichtregierungsorganisation „Transparencia Brasil“ meint, die Grundlage der wachsenden Gewalt in Brasilien und insbesondere der Aufstieg der für die Gewaltwelle verantwortlich gemachten Mafiagruppe sei die Tatenlosigkeit der Justiz. Die Korruption sei vor allem bei den Ämtern wie der Polizei besonders schlimm.

Viereinhalb Monate vor der Präsidentenwahl wird die Gewaltwelle in Brasilien auch zum Politikum. Lulas mutmaßlich schärfster Widersacher, Geraldo Alckmin, „schießt“ sich bereits auf den Präsidenten ein. Die für den Sicherheitssektor der Hauptstadt Brasilia zur Verfügung gestellten Mittel seien ungenügend. Aber Alckmin war immerhin bis vor wenigen Wochen noch Gouverneur von Sao Paulo.

Ein Passant in einem wohlsituierten Viertel von Sao Paulo meint: „Bei uns ist eigentlich niemand ohne Schuld. Ich etwa zahle doch meinen Hausangestellten für Rund-um-die-Uhr-Arbeit einen Hungerlohn“.

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