Nach Investitionsoffensive drohen Überkapazitäten
Autokonzerne werben um Chinas Kunden

Auf Chinas Automobilmarkt herrscht Goldgräberstimmung: Rund zwei Millionen PKW wurden 2003 verkauft – fast 75 Prozent mehr als im Vorjahr. Binnen fünf Jahren hat sich die Zahl der verkauften Wagen fast verfünffacht. Dennoch kommen in China auf 1000 Einwohner nur sieben Fahrzeuge; in Deutschland sind es mehr als 500. Experten rechnen damit, dass sich der PKW-Absatz im Reich der Mitte bis 2010 verdreifachen wird. Dann wird das Land hinter den USA zweitgrößter Einzelmarkt der Welt sein.

hof FRANKFURT. „Das gewaltige Marktpotenzial wirkt wie ein Magnet auf die internationale Automobilindustrie“, sagt Wolfgang Albrecht, Branchenexperte der LBBW. China boomt als Absatzmarkt und als Produktionsstandort. Doch im Paradies ziehen erste Wolken auf: Die Zuwachsraten schrumpfen, seit die Regierung in Peking die Kreditbestimmungen verschärft hat, um eine Überhitzung der Konjunktur zu verhindern. Immerhin wird in China bereits fast jedes dritte Auto auf Pump gekauft.

Die Autoriesen brennen ihr Investitionsfeuerwerk dennoch ab – allen voran Europas Marktführer Volkswagen. Die Wolfsburger wollen bis 2008 mehr als fünf Mrd. Euro investieren und die Kapazität von rund 750 000 Autos im Jahr auf 1,6 Milliarden erhöhen. Marktführer ist der VW-Konzern noch immer, Marktanteile von mehr als 50 Prozent gehören aber der Vergangenheit an.

Nahmen staatliche Stellen 1994 noch 88 Prozent der Produktion ab, geht mittlerweile jedes zweite Auto an die private Kundschaft. Doch das dadurch initiierte Marktwachstum hat besonders für Europas größten Autokonzern, der 2003 in China erstmals mehr Autos der Marke VW als in Deutschland abgesetzt hat, auch negative Konsequenzen: Es lockte Konkurrenz an. Koreas Autobauer Hyundai will die Kapazität in den kommenden Jahren mehr als verzehnfachen, Ford versiebenfachen, Kia versechsfachen. Peugeot und Honda peilen eine Verdoppelung, Toyota eine Versechsfachung an. Renault-Partner Nissan plant, vier Mal so viele Autos zu verkaufen, General Motors 50 Prozent mehr. BMW hat vorerst ein Produktionsziel von 30 000 formuliert, Daimler-Chrysler will mit bescheidenen 25 000 Mercedes aus lokaler Produktion starten. Anders als die Massenhersteller haben die Prestigemarken auch Chancen mit importierten Fahrzeugen. So war China 2003 laut BMW-Vertriebschef Michael Ganal für das Spitzenmodell der Siebener- Serie größter Einzelmarkt. Lösen alle Hersteller ihre Investitionsversprechen ein, drohen Chinas Markt laut der Unternehmensberatung IBM Global Services schon bald riesige Überkapazitäten. „Von den zu erwartenden 4,9 Millionen gebauten Fahrzeugen dürften sich 2005 nur knapp 2,6 Millionen absetzen lassen“, glaubt auch KPMG-Finanzexperte Paul Brough.

Erschwert wird die Situation ausländischer Hersteller dadurch, dass sie Autos in China nur in Joint Ventures mit heimischen Firmen bauen dürfen, die mindestens die Hälfte der Anteile besitzen. Diesen staatlichen Schutz nutzen die großen chinesischen Autopartner FAW, SAIC und Dongfeng weidlich aus. Sie setzen auf Unabhängigkeit, verbünden sich zunehmend auch mit ansonsten konkurrierenden Konzernen.

Auch dass der Patent- und Designschutz von den Chinesen noch immer nicht sehr ernst genommen wird und sie munter die Produkte ihrer Partner kopieren, müssen die Manager der Großkonzerne zähneknirschend in Kauf nehmen: „Es gibt keinen anderen Staat“, sagt Alexander Scheidt, Partner bei IBM Business Consulting, „der auf Grund des Marktpotenzials den internationalen Automobilherstellern die Konditionen für den Marktzugang derart diktieren kann wie China.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%