Nach Konferenz
Kaukasus: Mord an Menschenrechtlerin

Die entführte tschetschenische Menschenrechtsaktivistin Natalia Estemirowa ist nach offiziellen Angaben tot. Sie sei ermordet in der autonomen russischen Republik Inguschetien im Kaukasus aufgefunden worden, sagte eine Sprecherin des inguschetischen Innenministeriums am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

HB MOSKAU. Ihre Leiche weise zwei Wunden am Kopf auf, ergänzte die Behördensprecherin, ohne näher auf die Verletzungen einzugehen. Dem Ministerium zufolge wurde die Aktivistin in einem Wald in der Nähe der Stadt Nasran gefunden. Estemirowa war am Morgen in der Nachbarrepublik Tschetschenien entführt worden.

"Sie hat die schrecklichsten Verstöße, Massenhinrichtungen, dokumentiert", sagte Tatjana Lokschina von Human Rights Watch der Nachrichtenagentur AP in Moskau. "Sie war ein Schlüsselkontakt für ausländische Journalisten und internationale Organisationen. Sie hat Dinge getan, die sonst niemand zu tun wagte."

Eine Sprecherin der russichen Regierung sagte, Präsident Dmitri Medwedew sei empört über die Ermordung der Menschenrechtsaktivistin. Er habe eine Untersuchung unter Mithilfe der höchsten Instanzen angeordnet.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilte den Mord an der Menschenrechtsaktivistin. "Ich bin bestürzt über die Ermordung von Natalia Estemirova und verurteile diese feige Tat auf das Schärfste", teilte er am Abend mit. Estemirova sei eine mutige Kämpferin für die Menschenrechte im Nordkaukasus gewesen. Nun müssten die Hintergründe der Tat rasch aufgeklärt und Täter und Drahtzieher ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, reagierte erschüttert. "Diese grausame Tat zeigt einmal mehr, dass die scheinbare Stabilität in Tschetschenien teuer erkauft ist. Ich erwarte eine lückenlose Aufklärung dieses Mordes und erinnere an die anderen bislang ungeklärten Morde an Menschenrechtsaktivisten und Journalisten in Russland, deren Täter und Hintermänner zur Rechenschaft gezogen werden müssen", teilte er mit.

Der Chef der Menschenrechtsgrupppe Memorial, Oleg Orlow, sagte der AP, Estemirowa sei am Mittwoch in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny von vier Männern in ein Auto gezerrt worden. Augenzeugen hätten gehört, dass Estemirowa gerufen habe, sie werde entführt. Ihre Leiche wurde in einem Straßengraben in Inguschetien, der Nachbarrepublik Tschetschenien, gefunden worden. Eine Sprecherin des inguschetischen Innenministeriums, Madina Chadsijewa, sagte, Estemirowas Leiche weise zwei Schusswunden am Kopf aus, die aus nächster Nähe zugefügt worden seien.

Nur wenige Stunden zuvor hatten verschiedenen Menschenrechtsorganisationen in Moskau einen 600 Seiten starken Bericht vorgelegt, demzufolge in den tschetschenischen Kriegen 484 Menschen ohne Gerichtsverfahren erschossen und 465 weitere in Massakern an Kontrollposten umgebracht wurden. Es scheint der erste umfassende Versuch zu sein, Daten und Fakten über Gräueltaten beider Seiten vorzulegen und zu analysieren. Auf der Pressekonferenz forderten die Menschenrechtler, Ministerpräsident Wladimir Putin und andere führende russische Politiker vor einem internationalen Strafgericht anzuklagen. Putin war bereits 1999 Regierungschef. Das von ihm befohlene brutale Vorgehen der Streitkräfte im zweiten Tschetschenienkrieg gilt als ein Grund seiner großen Popularität in der russischen Bevölkerung während seiner achtjährigen Präsidentschaft.

Estemirowa, eine alleinerziehende Mutter Anfang 40, hat seit 1999 Daten über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien gesammelt. Mehrere ihrer Kollegen und Kolleginnen, mit denen sie zusammenarbeitete, wurden seitdem getötet. Die Journalistin Anna Politkowskaja 2006 und der Anwalt Stanislaw Markelow im Januar. Die Menschenrechtsanwältin Karina Moskalenkos sagte, es habe wegen des am Mittwoch vorgelegten Berichts indirekte Drohungen gegeben. Man habe sie gefragt: "Warum wollt ihr diese Wunden offen legen?"

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