Nach Moschee-Anschlag: Welle der Gewalt gegen irakische Sunniten

Nach Moschee-Anschlag
Welle der Gewalt gegen irakische Sunniten

Nach dem Anschlag auf eines der wichtigsten Heiligtümer der irakischen Schiiten in Samarra ist es im Irak zu den blutigsten Auseinandersetzungen zwischen den religiösen Gruppen seit dem Sturz von Saddam Hussein gekommen. Dutzende von Sunniten wurden ermordet - obwohl kaum für ihre Schuld spricht.

HB BAGDAD. Allein in der Hauptstadt Bagdad wurden nach Polizeiangaben vom Donnerstag binnen eines Tages 53 Menschen getötet. Die meisten seien Sunniten. Sie seien vor und in Moscheen angegriffen worden. Die Polizei verstärkte die Sicherheitsmaßnahmen vor den Moscheen der Stadt. Im südirakischen Basra überfielen Unbekannte am Mittwoch ein Gefängnis und entführten zwölf sunnitische Häftlinge, darunter zwei Ägypter. Die Angreifer hätten Polizeiuniformen getragen und elf der Entführten getötet, teilte die Polizei mit.

Dutzende sunnitische Moscheen im ganzen Land wurden angegriffen und in Brand gesetzt. Die sunnitische Islam-Partei (IIP) registrierte als Reaktion auf den Terroranschlag 29 Angriffe gegen sunnitische Moscheen. In der Stadt Bakuba schossen am Donnerstagmorgen bewaffnete Männer vor einer sunnitischen Moschee um sich; mindestens ein Mensch wurde dabei getötet.

Am Vortag hatten unbekannte Extremisten in der Stadt Samarra den auch als „Goldene Moschee“ bekannten Askari-Schrein durch drei Sprengladungen massiv beschädigt. Die imposante Goldkuppel stürzte ein. Der Askari-Schrein beherbergt die letzte Ruhestätte zweier von den Schiiten verehrter Heiliger, die des Imam Ali Ibn Mohammed al- Hadi und die seines Sohnes Imam Hassan al-Askari. Das Mausoleum zieht jedes Jahr tausende Pilger aus aller Welt an.

Hinter dem Anschlag dürften jedoch eher Anhänger des gestürzten Diktators Saddam Hussein oder ausländische Terroristen unter Führung von Mussab el Sarkawi stecken als sunnitische Extremisten. Beide Gruppen haben ein Interesse, eine Annäherung zwischen Schiiten und Sunniten zu torpedieren. Als einzige sunnitische Gruppe, die für den Anschlag in Frage kommt, nannte der nationale Sicherheitsberater Muwafak el Rubaie die Ansar el Sunna. Deren Ziel sei es, „den Irak in den Bürgerkrieg zu treiben“, sagte er.

Die übrigen sunnitischen Kämpfer halten sich in letzter Zeit nach Erkenntnissen der International Crisis Group zurück. Sie achteten stärker auf die öffentliche Meinung. Daher würden sie auf die Enthauptung von Geiseln und Anschläge auf Warteschlangen vor Wahlbüros verzichten.

Damit fällt der Verdacht auf den jordanischen Terroristenführer Mussab el Sarkawi. Es hatte sich wiederholt mit Anschlägen auf schiitische Zivilisten und Heiligtümer hervorgetan und war dafür sogar von der Führung des Terrornetzwerkes Al Kaida kritisiert worden. Sarkawi galt bislang als Chef der El Kaida im Irak, hatte sich zuletzt aber von der Organisation von Osama bin Laden distanziert und ruft offen zur Tötung von Schiiten auf, welche die Bevölkerungsmehrheit im Irak stellen. Nach Sarkawis Kalkül würden konfessionelle Auseinandersetzungen die ausländischen Besatzer schneller aus dem Lande vertreiben.

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad bezichtigte dagegen die USA und Israel, hinter der Zerstörung der Kuppelmoschee in Samarra zu stecken. Der Anschlag vom Mittwoch sei das Werk von „Zionisten und Besetzern“, sagte Ahmadinedschad am Donnerstag in einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede vor mehreren tausend Menschen im Südwesten Irans. „Sie sind in den Schrein eingedrungen und haben ihn zerbombt, weil sie gegen Gott und Gerechtigkeit sind“.

Am Donnerstag wurden in Samarra die Leichen dreier Journalisten des Fernsehsenders Al-Arabija entdeckt. Die Reporterin Atwar Bahgad und zwei Mitglieder ihres Stabes wurden am Freitagmorgen tot am Ortseingang von Samarra auf einer Landstraße gefunden. Das Team habe sich zum Zeitpunkt des Überfalls am Mittwochabend auf dem Rückweg aus Samarra befunden, teilte der Sender mit.

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