Nach peinlichem G7-Auftritt
Japan: Lallender Finanzminister weicht Superminister

Nach einem desaströsen Auftritt auf dem G7-Gipfel in Rom hat der unter Druck geratene japanische Finanzminister Shoichi Nakagawa seinen Rücktritt erklärt. Er respektiere "die schwere Rücktrittsentscheidung", sagte Premier Taro Aso. Japan bekommt in der Krise nun einen Superminister für Finanzen und Wirtschaftsstrategie.

TOKIO. Der Sonderminister für Wirtschaftsstrategie, Kaoru Yosano, soll Nakagawas Zuständigkeiten zusätzlich übernehmen. Nakagawa hatte sich politisch untragbar gemacht, indem er in schwer angeschlagenem Zustand in Rom eine Pressekonferenz gegeben hatte. Er sprach vor den Reporten schleppend, lallte und schlief auf dem Podium ein. Seiner eigenen Darstellung nach litt er unter Nebenwirkungen von Medikamenten. Die Opposition sieht die Ursache jedoch darin, dass Nakagawa angeblich zu viel Alkohol trinke. Doch unabhängig von der Ursache der schlechten Verfassung Nakagawas rätselt Japan, warum der Minister in diesem Zustand die Pressekonferenz stattfinden ließ. „Nakagawa hat Japan in Rom blamiert“, schriebt die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ in einem Leitartikel. Der benebelte Minister war Tagesgespräch in Tokio.

Am Montag hatte Aso seinen persönlichen Freund Nakagawa noch gestützt und sich hinter die Version gestellt, dieser habe „zu viel Erkältungsmedizin eingenommen“. Indem Aso das Finanzressort nun an Yosano übergibt, vermeidet er die schwierige Suche nach einem frischen Kandidaten. Japan hat in den vergangenen drei Jahren drei Premierminister und noch mehr Kabinettsumbildungen gesehen. Der regierenden Koalition gehen langsam die vorzeigbaren und zumindest leidlich kompetenten Politiker aus. Yosano gilt dagegen sogar als besonders gute Wahl. Der 70-jährige ist bisher deutlich für Schuldenabbau und Reformen eingetreten, obwohl davon in Zeiten der Konjunkturstimulation wenig zu sehen ist. Der Jurist verfügt über reichlich politische Erfahrung im In- und Ausland. Er gilt als integer, was sich bei der hohen Verbreitung von Korruption in der japanischen Politik nicht von selbst versteht.

Die Bündelung der Kompetenzen bei Yosano könnte die Handlungsfähigkeit der japanischen Regierung in der Wirtschaftskrise deutlich erhöhen. In Japan ist eine ganze Reihe von Ministern für verschiedene Aspekte der Finanzen und der Wirtschaft zuständig. Dem Wirtschaftsressort in Deutschland am nächstem kommt das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie – eine traditionell sehr mächtige Institution, die gut mit den Großunternehmen zusammen arbeitet. Neben dem Finanzminister existiert noch das Amt des Ministers für Finanzaufsicht – diese beiden Positionen sind jedoch seit einer Kabinettsumbildung im August schon in Personalunion bei Nakagawa angesiedelt und fallen nun Yasono zu. Der Aktienmarkt in Tokio reagierte nicht auf die Nachricht von Nakagawas Rücktritt. Analysten zufolge erwartet die Wirtschaft ohnehin schon länger nichts mehr von der Politik.

Im Gegenteil: Die katastrophale Wirtschaftslage könnte die Demontage von Taro Aso sogar beschleunigen. Gestern früh unterbrachen einige japanische Fernsehsender ihr Programm für Sondersendungen. Das Thema war die desolate Lage der Wirtschaft: Im letzten Vierteljahr 2008 ist Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3,3 Prozent zum Vorquartal abgestürzt. Solch sperrige Nachrichten interessieren sonst selten ein Massenpublikum, doch die Japaner hatten auf neue Hiobsbotschaften geradezu gewartet. Denn nach den Zeit- und Vertragsarbeitern müssen nun auch immer mehr Festangestellte um ihren Arbeitsplatz bangen.

Seite 1:

Japan: Lallender Finanzminister weicht Superminister

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%