Nach versuchtem Anschlag
Die merkwürdigen Aussagen des Thalys-Schützen

Der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Angreifer im Schnellzug bei Paris bestreitet jegliche islamistische Anschlagsabsicht. Er habe die Waffen nur zufällig in einem Park gefunden - in einem „versteckten Koffer“.
  • 0

ParisDer 25-jährige Ayoub El Khazzani sei „entgeistert“ über den Terrorismusvorwurf gegen ihn, sagte Anwältin Sophie David am Sonntag. Der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Angreifer im Schnellzug von Amsterdam nach Paris bestreite jegliche islamistische Anschlagsabsicht, gab die Anwältin bekannt. Die französischen Anti-Terror-Ermittler halten jedoch einen islamistischen Hintergrund für wahrscheinlich, auch weil der Marokkaner bei vier europäischen Geheimdiensten als Islamist bekannt war.

Der schwer bewaffnete El Khazzani, der neben einer Kalaschnikow auch eine Pistole der Marke Luger und ein Teppichmesser bei sich hatte, war am Freitagabend in dem Thalys-Schnellzug von mehreren Passagieren überwältigt worden, die dadurch vermutlich ein Blutbad verhinderten. Zwei US-Soldaten, ein befreundeter US-Student und ein 62-jähriger Brite rangen den Angreifer nieder, wobei einer der US-Soldaten und ein Reisender verletzt wurden.

Beim Verhör durch Anti-Terror-Ermittler in Paris bestritt der Marokkaner jegliche Anschlagsabsicht. Er habe auf die Zugpassagiere „einen Überfall verüben“ wollen, sagte Anwältin David, die den 25-Jährigen kurz nach seiner Festnahme beraten hatte, dem Sender BFM-TV. Er habe angegeben, die Waffen in einem “versteckten Koffer“ in der Nähe eines Brüsseler Bahnhofs in einem Park gefunden zu haben, in dem er wie andere Obdachlose oft übernachtet habe. Der junge Mann bestreitet demnach auch, geschossen zu haben. Er sei “sofort“ überwältigt worden und „die Kalaschnikow hat nicht funktioniert“.

Nach Angaben aus Ermittlerkreisen lebte Khazzani zuletzt tatsächlich in Belgien, wo er „in einen Zug gestiegen ist mit Waffen, die wahrscheinlich in Belgien gekauft wurden. Demnach hatte er spanische Papiere bei sich.

El Khazzani lebte von 2007 bis 2014 in Spanien, zunächst in Madrid, dann im andalusischen Algeciras. Dort fiel er den Sicherheitsbehörden wegen Reden auf, in denen er den bewaffneten Kampf gegen Ungläubige propagierte. Laut französischen Ermittlern lebte der junge Mann von Gelegenheitsjobs und kleineren Delikten, darunter Drogenhandel. Spanien meldete ihn an Frankreich, wo ein Sicherheitsvermerk angelegt wurde. Zuletzt fiel er auf, als er am 10. Mai von Berlin aus in die Türkei flog. Laut spanischen Behörden reiste El Khazzani von Frankreich aus auch nach Syrien, was der Marokkaner aber bestreitet.

Der Angreifer war laut Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve am Freitagabend in dem Thalys mit dem Schnellfeuergewehr über der Schulter aus einer Zugtoilette gekommen. Zunächst wollte ihn ein französischer Passagier aufhalten, doch gab der Angreifer laut Cazeneuve Schüsse ab, wodurch ein Franko-Amerikaner an der Schulter verletzt wurde.

Anschließend überwältigten die drei US-Bürger den Marokkaner, den sie nach eigenen Angaben bewusstlos schlugen. “Ich drehte mich um und sah einen Mann mit einer Kalaschnikow hereinkommen. Meine Freunde und ich duckten uns und dann sagte ich: 'Schnappen wir ihn'“, berichtete der 22-jährige Alek Skarlatos, der Mitglied der US-Nationalgarde ist und gerade von einem Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt war. Sein 23-jähriger Freund Spencer Stone, ebenfalls ein US-Soldat, wurde bei dem Kampf durch das Teppichmesser an der Hand verletzt.

US-Präsident Barack Obama dankte den Rettern: “Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert.“ Frankreichs Präsident François Hollande will die Männer am Montag im Elysée-Palast empfangen.

An Bord des Thalys war auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade, der aus dem Film “Betty Blue“ bekannt ist. Der 60-Jährige erhob schwere Vorwürfe gegen Bahnmitarbeiter, die sich in einem Gepäckwagen verschanzt und die übrigen Passagiere ausgesperrt hätten. Die Thalys-Geschäftsführung wies die Anschuldigungen zurück.

In Belgien wurden wegen des Angriffs die Sicherheitsvorkehrungen für Züge und an Bahnhöfen verschärft, Polizisten sollen Thalys-Züge begleiten. In Frankreich wurde eine Hotline für “anormale Situationen“ eingerichtet.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Nach versuchtem Anschlag: Die merkwürdigen Aussagen des Thalys-Schützen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%