Nach zwölf Stunden blutiger Gewalt
Kureia bildet Notstandsregierung

Der palästinensische Parlamentspräsident Ahmed Kureia hat nach zwölf Stunden blutiger Gewalt und Gegengewalt im Nahen Ostenn das ihm von Palsätinenser-Präsident Jassir Arafat angetragene Amt des Ministerpräsidenten angenommen. Nach einem Treffen mit Arafat gab er bekannt, eine Notstandsregierung innerhalb von 48 Stunden bilden zu wollen.

HB RAMALLAH. Nach zwei palästinensischen Selbstmordanschlägen in Israel, bei denen am Dienstagabend 15 Israelis und die Attentäter getötet wurden, berief Kureia für Donnerstag das palästinensische Parlament ein. Es soll ihm das Vertrauen aussprechen. Sein Not-Kabinett soll zunächst aus acht Ministern bestehen.

Israelische Truppen drangen am Mittwochnachmittag mit Panzern ins Zentrum der Regierungsstadt Ramallah ein, die Soldaten zogen sich jedoch nach kurzer Zeit wieder zurück. Bei den zwei Selbstmordanschlägen östlich der Stadt Rischon LeZion und am späten Abend im belebten Zentrum West-Jerusalems waren insgesamt 15 Israelis und die beiden Attentäter getötet worden. Über 60 Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Kurz danach bekannte sich die radikale Hamas-Organisation zu den Attentaten.

Der bewaffnete Flügel der Gruppe, Issedin el Kassam, kündigte weitere Angriffe auf Israelis an. Auch Häuser und größere Gebäude in Israel würden das Ziel sein. Die Regierung in Jerusalem reagierte am Mittwoch mit einem Bombenangriff auf das Haus des Hamas-Mitbegründers Mahmud el Sahar, bei dem dessen Sohn und ein Leibwächter getötet wurden. Weitere 20 Menschen wurden bei dem gescheiterten Liquidierungsversuch verletzt. El Sahar selbst erlitt mittelschwere Verletzungen.

Scharon lehnt Kureias Forderungen kategorisch ab

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon, der einen offiziellen Besuch in Indien abbrach und am Mittwoch nach Israel zurückflog, kündigte inzwischen eine Fortsetzung der Liquidierungen an. „So lange die palästinensische Seite nicht wirklich gegen den Terror vorgeht, wird Israel handeln“, sagte er in Neu Delhi. Scharon lehnte die Forderung Ahmed Kureias nach einer „sofortigen Wiederaufnahme von Verhandlungen“ kategorisch ab. Israel sei künftig auch erst zu Erleichterungen für die belagerte palästinensische Bevölkerung bereit, wenn die Palästinenser zuvor alle Forderungen aus dem Naho



st-Friedensplan erfüllt hätten.

Die beiden palästinensischen Selbstmordattentäter vom Dienstagabend kamen aus dem Dorf Rantis im Westjordanland, nahe der grünen Grenze zu Israel. Der erste Attentäter fuhr nach Augenzeugenberichten mit einem Auto bis zu einem Sammelplatz für Soldaten nahe dem Armeestützpunkt Zrifin östlich von Rischon LeZion. Er zündete dort eine rund drei Kilo schwere Bombe, die ihn und acht Soldaten tötete. Nur sechs Stunden später sprengte sich ein weiterer junger Palästinenser vor dem beliebten Hillel-Café im Jerusalemer Altstadtviertel „Deutsche Kolonie“ in die Luft. Vier Gäste wurden auf der Stelle getötet, drei starben später in Krankenhäusern der Stadt. Die israelische Armee rückte am Mittwoch in das Heimatdorf der Täter ein, verhängte eine Ausgangssperre und nahm Dutzende Personen fest.

Kureia verurteilt israelische Liquidierungen

Kureia drückte kurz nach den Anschlägen sein Bedauern „über den Verlust an unschuldigen Seelen“ aus, seien sie Israelis oder Palästinenser. Kureia hatte bis dahin gezögert, das Amt des Regierungschefs anzunehmen. Unter dem Druck der Ereignisse nahm er das Amt dann jedoch am Mittwochnachmittag an. Kureia versprach, dass er ein vollständiges Kabinett vorstellen werde, sobald die gegenwärtige Krise beendet sei. Dann wolle er auch erneut die Vertrauensfrage stellen.

Kureia verurteilte gleichzeitig die israelischen Liquidierungen, die „den internationalen Nahost-Fahrplan völlig zerstören“. Die eskalierende Gewalt könne nur durch Verhandlungen gestoppt werden. Bei mehr als einem halben Dutzend gezielten Angriffen auf Hamas- Führer hat Israel seit Anfang Juni 19 Palästinenser getötet, darunter 14 Hamas-Aktivisten und drei unbeteiligte Palästinenser. Die meisten Liquidierungen befahl die israelische Regierung nach dem palästinensischen Selbstmordanschlag vom 19. August in Jerusalem, bei dem 23 Menschen getötet wurden.

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