Nachgefragt
Braun: „Europa ist ein Erfolg“

Das Handelsblatt spricht mit Ludwig Georg Braun über seinen Ratschlag an deutsche Unternehmen, verstärkt in Osteuropa zu investieren. Braun ist Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Handelsblatt: Herr Braun, vor einem Jahr haben Sie eine hitzige Debatte angestoßen, als Sie deutschen Firmen rieten, verstärkt in Osteuropa zu investieren. Geben Sie diesen Rat noch heute?

Braun: Selbstverständlich. Der deutsche Export in die neuen EU-Länder stieg 2004 um zehn Prozent auf 61 Milliarden Euro. Dadurch sind mindestens 80 000 neue Arbeitsplätze in Deutschland entstanden. Wir haben allein knapp 15 Prozent des deutschen Wachstums im Jahr 2004 nur den Exporten in die neuen Mitgliedsländer zu verdanken.

Ihre Bilanz ein Jahr nach der EU-Erweiterung fällt also positiv aus?



Ja, absolut. Sie ist ein großer Erfolg und eine willkommene Chance für die deutsche Wirtschaft.

Meinen Sie, deutsche Fleischer sehen das derzeit auch so?

Wettbewerb ist keine reine Schönwetterveranstaltung - höchstens für den Konsumenten. Es werden immer an der einen Stelle Arbeitsplätze verloren gehen und an anderer neue entstehen. Abschottungsdebatten führen deshalb in die Irre, im konkreten Beispiel würde dann die Fleischverarbeitung immer stärker ins Ausland verlagert. Wir müssen vielmehr unsere Chancen in den neuen Märkten nutzen statt unseren Nachbarn ihre Wettbewerbsvorteile bei Preisen und Löhnen verbieten zu wollen. Und manchmal müssen wir uns natürlich auch einfach eingestehen, dass andere für weniger Geld bereit sind mehr zu arbeiten.

Dennoch: Reichen mehr als fünf Millionen Arbeitslose nicht aus, um den Schutz des deutschen Arbeitsmarktes zu erwägen?

Nein, diese Diskussion in Deutschland ist vollkommen verkantet. Wir können uns langfristig dem Wettbewerb nicht entziehen, das zeigt der Niedergang der Baubranche - trotz Abschottung. Ich bin für eine strikte Freiheit der Märkte.

Welche Branchen profitieren aus deutscher Sicht bislang von der Erweiterung der EU?

Neben den Automobilfirmen, die die neuen Märkte gut nutzen, vor allem die Pharma- und Medizinindustrie. Die Gesundheitssysteme der neuen EU-Länder stehen vor einer völligen Modernisierung, das können deutsche Firmen nutzen.

Was können deutsche Firmen von den neuen EU-Ländern lernen?

Wettbewerb. Etwa im Gesundheitssektor gehen wir in Deutschland nach dem Verteilungsprinzip vor: Wir verteilen die Kranken auf möglichst viel Fläche. Der Wettbewerb beginnt auch hier: Ungarische Ärzte sind etwa nicht schlechter als deutsche. Und was ist schlimm daran, die dritten Zähne von Spezialisten im Ausland machen zu lassen?



Die Fragen stellte Dorit Heß.

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