Nachgefragt: Celso Amorin
Interview: „Die Initiative muss von der EU ausgehen“

Brasiliens Außenminister plädiert für bessere Marktzugangsbedingungen im Agrarsektor, um mehr Dynamik zu erreichen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt äußert sich Celso Amorin zu den Chancen der WTO-Runde in Honkong.

Herr Amorim, wird es von den Schwellenländern der G20 angesichts des Stillstands bei den Welthandelsgesprächen noch vor dem WTO-Gipfel in Hongkong neue Initiativen geben?

Nun, ich glaube die Initiative muss von der EU ausgehen. Alle WTO-Mitglieder außer den Europäern empfinden den Vorschlag der Kommission für Marktzugang im Agrarsektor als unzureichend. Den Europäern sage ich: Wenn man in einer Truppe marschiert und das Empfinden hat, alle anderen marschieren im falschen Takt, dann muss man sich wohl Gedanken über den eigenen Schritt machen. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir dem Gipfel in Hongkong noch eine gewisse Bedeutung verleihen können und einen substantiellen Schritt nach vorne erreichen. Hongkong wird aber nicht das Ende aller Bemühungen sein.

Wie können Sie denn Flexibilität von einer EU erwarten, deren Spielraum vom drohenden Veto Frankreichs eingeengt wird?

Es ist schon merkwürdig, dass 24 Länder von einem einzigen in die Ecke gedrängt werden können. Wir setzten jedenfalls großes Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Franzosen, die immer ihre Solidarität mit den Armen dieser Welt betont haben. Ich hoffe, das sind keine hohlen Phrasen. Irgend jemand muss Frankreich nur überzeugen, Agrarsubventionen abzubauen und den Marktzutritt in der EU zu verbessern.

Wer könnte diese Rolle übernehmen?

Nun, wir versuchen das mit allen Mitteln. Ich will ja gar nicht behaupten, dass Frankreich in bösem Willen handeln. Wir hören von den Franzosen, dass sie sogar flexibler sein könnten, wenn nur die USA sich beweglicher zeigten. Das US-Angebot liegt nun vor. Das war wichtig. es geht jedoch unserer Meinung nach nicht weit genug, vor allem was die internen Stützungsmaßnahmen betrifft. Wir brauchen also noch bessere Marktzugangsbedingungen im Agrarsektor, um mehr Dynamik zu erreichen.

Die EU wiederum erwartet von Brasilien, ein konkretes Angebot für den Abbau von Industriezöllen auf den Tisch zu legen....

Brasilien kann nicht alleine handeln. Wir brauchen eine Abstimmung unter den Mercosur-Staaten. Das scheint mir nicht gar nicht einmal unmöglich. Aber es scheint mir zugleich nicht korrekt, wenn die EU von uns ein Zollangebot erwartet. Und zwar aus mehreren Gründen: Dies ist eine Entwicklungsrunde. Diese Runde soll hauptsächlich Barrieren im Agrarhandel abbauen. Wir wollen doch nicht den Karren vor das Pferd spannen. Dessen ungeachtet hat Brasilien bereits Flexibilität signalisiert. Aber man kann nicht erwarten, dass Entwicklungsländer in Vorleistung treten und mehr Zugeständnisse bei Industrieprodukten machen als sie Nutzen aus Agrarvereinbarungen ziehen. Das wäre eine doppelte Verzerrung.

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