Nachgefragt: Ely Karmon
„Europa ist ein leichteres Ziel als die USA“

Ely Karmon ist Forschungsleiter am Institut für Terrorbekämpfung (ICT) in Herzlija, Israel. Im Interview erklärt er, seit wann London im Fokus internationaler Terroristengruppen steht.

Handelsblatt: Herr Karmon, seit wann steht London im Fokus internationaler Terroristengruppen?

Ely Karmon: London ist seit vielen Jahren ein Ort, an dem viele islamistische Gruppierungen ansässig sind oder sich Islamisten treffen. Von dort aus wurden Aktionen gegen Saudi-Arabien, Ägypten oder Jordanien geplant. Einige dieser radikalen Kräfte sind in den vergangenen Jahren auch inhaftiert worden wie etwa der Hassprediger Abu Hamsa el Masri. Aber sie sind nie mit terroristischen Aktivitäten auf britischem Boden in Erscheinung getreten. Allerdings sind die britischen Behörden seit langem alarmiert. Ganz konkret im Übrigen seit rund eineinhalb Jahren, seitdem es Hinweise auf eine Giftattacke in London gibt.

Welche Rolle spielt dabei Großbritanniens Beteiligung am Irak-Krieg?

Vor allem dürften die Anschläge mit dem G8-Gipfel der führenden Industrienationen in Schottland zu tun haben. Diese Operationen waren schon lange geplant.

Die Struktur der Anschläge in London, die Gleichzeitigkeit der Explosionen, trägt die Handschrift von El Kaida ...

Ja, die koordinierten Operationen deuten darauf hin. Obwohl El Kaida nur ein Oberbegriff ist, unter dem viele unterschiedliche Gruppen aktiv sind. Und die Zielobjekte waren eben wieder „weiche Ziele“, die leichter zu treffen sind und dabei einen großen Eindruck auf die Bevölkerung machen.

Das erinnert an die Anschläge in Madrid ...

Dort waren vor allem Marokkaner und Algerier am Werk, Immigranten, die zum Teil schon länger in Spanien gelebt hatten. Leute, die sich über Jahre vom spanischen Staat ihre Ausbildung finanzieren ließen. In London können aber ganz andere Gruppen dahinterstecken.

Wie weit sind wir in der Bekämpfung des internationalen Terrors gekommen?

Obwohl die Dienste sehr viel Informationen sammeln – und gerade auch die britischen Sicherheitsstrukturen sehr effizient arbeiten – ist ein Schutz sehr schwierig. Die Anschläge finden in offenen, demokratischen Ländern mit großen Bevölkerungen statt. Eine vollständige Sicherheit wird sich unter diesen Bedingungen nie ganz herstellen lassen.

Unternehmen die Behörden in Europa genug?

In Italien oder Deutschland werden mutmaßliche Terroristen festgenommen, vor Gericht gebracht, dann aber werden sie freigelassen, weil die Beweise nicht reichen. Das ist eines der Probleme Europas: Es gibt keine klare Strategie, wie man gegen den Terrorismus vorgehen will. Sie können so lange aktiv sein, wie sie nicht so etwas tun wie in Madrid oder London. Europa ist deshalb ein leichteres Ziel als die Vereinigten Staaten.

Die Fragen stellte Markus Ziener.

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