Nachgefragt
„Fatwa gegen Spanien“

Spanien ist nach Ansicht eines führenden Terrorexperten schon seit langem ein Ziel der Terroristen von El Kaida. "In einer seiner Fatwas hat Osama bin Laden zwei Länder explizit erwähnt, in denen die Muslime erniedrigt wurden: Palästina und - Spanien", sagte der Nahost-Experte Amatzia Baram in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Baram, Professor für die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens an der Universität Haifa und ehemaliger israelischer Regierungsberater, erklärt dies aus der Geschichte

Handelsblatt: Wer steht hinter den Anschlägen von Madrid?

Baram: So lange wir nicht zu 100 Prozent wissen, dass es El Kaida war, ist die Eta weiterhin verdächtig. Richtig ist aber auch, dass das Muster nicht der Eta entspricht. Aber: Wir wissen auch, dass Osama bin Laden Spanien ganz oben unter den Ländern genannt hat, die er angreifen will, weil sich Spanien im Irak-Krieg an die Seite der USA gestellt hat.

Gibt es noch andere Gründe, warum ausgerechnet Spanien ein Ziel geworden sein könnte?

Ja, und viele wissen das nicht: In einer seiner Fatwas hat Osama bin Laden zwei Länder explizit erwähnt, in denen die Muslime erniedrigt wurden: Palästina und – Spanien. Warum? Weil die arabischen Muslime Spanien im Jahr 1492 verloren haben. Diese Einstellung ist ausgesprochen verbreitet. Wenn Sie etwa mit jordanischen Fundamentalisten sprechen, dann sagen die Ihnen: Wir werden Spanien zurückerobern. Spanien ist für die Muslime ein Mythos geworden: Wenn wir Spanien zurück haben, dann gewinnen wir auch unseren historischen Glanz zurück. Und damit jene herausragende Stellung, die wir mit dem Rückzug aus Spanien eingebüßt haben.

Das klingt kaum verständlich ...

... natürlich ist das sehr naiv. Aber es erklärt sich aus dieser Einstellung: Wir wollen niemals mehr eine Erniedrigung erfahren wie es in Palästina und Spanien der Fall war. Deshalb: Von allen Ländern, die die USA unterstützen ist Spanien ein erstes Ziel.

Welche Länder sind sonst noch gefährdet?

Jedes Land, das an der Seite der USA steht, also zum Beispiel Polen, Australien, Dänemark, Holland. Aber auch Deutschland zählt dazu, das ebenfalls die USA unterstützt, auch wenn das vielleicht nicht im großen Stil geschieht, sondern eher leise. Das einzige Land, das man von dieser Liste vielleicht ausnehmen kann ist Frankreich.

Gibt es Hinweise für eine Kooperation zwischen Eta und El Kaida?

Wir wissen, dass viele Gruppen untereinander kooperieren – auch wenn sie nicht die gleichen Ziele haben. Etwa so wie einst die Baader-Meinhof-Gruppe, die mit palästinensischen Terroristen zusammengearbeitet hat. Und man darf nicht vergessen: Terrororganisationen lernen voneinander – unabhängig von ihren Ideologien.

Wie schlagkräftig ist El Kaida heute?

Die Organisation ist etwas weniger effektiv als früher, vielleicht verfügt El Kaida heute noch über knapp 80 Prozent seiner alten Schlagkraft. Aber sie haben immer noch genügend Leute, insgesamt wohl bis zu 5 000. Und neue Mitglieder kommen dazu. Die größte Stärke von El Kaida ist und bleibt, dass sie keine strikt hierarchische Struktur hat.

Und dadurch kaum zu fassen ist...

Ja, El Kaida funktioniert wie eine Medusa mit vielen Köpfen, wie eine Dachorganisation. Es gibt Untergruppen, die nicht einmal richtig Mitglieder sind, sondern die sich einfach der El Kaida-Unterstützungsstrukturen bedienen, sich Geld besorgen, wenn nötig fachliche Expertise. So wie die Jama’at al-Islamiya in Südostasien – die gehören nicht zu El Kaida, aber sie haben dorthin Verbindungen.

Was also ist zu tun?

Es fehlt an ausreichender Zusammenarbeit zwischen den Regierungen und den Diensten der USA, Europas und im Mittleren Osten. Das ist das Problem: Die Informationen und Erkenntnisse zu teilen.

Die Fragen stellte Markus Ziener.

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