Nachgefragt: Kristin Forbes
„Günstige Gelegenheit für Europa“

Wie wird der G8-Gipfel die Lage der Weltwirtschaft beurteilen: alles in Ordnung?

Ein paar Bedenken gibt es immer. Aber man sollte nicht vergessen, dass die Weltwirtschaft in diesem und im nächsten Jahr so kräftig wachsen wird wie seit den späten 70er-Jahren nicht mehr. Eines der Schlüsselthemen beim G8-Gipfel wird sein, wie man dieses Wachstum stabil halten kann.

Was sollten die Europäer tun, um ihre eher mäßige Konjunktur anzukurbeln?

Da geht es in erster Linie um das Aufknacken rigider Strukturen: Der Arbeitsmarkt sowie die Renten- und Steuersysteme müssen reformiert werden. Die Europäer haben wegen des hohen globalen Wachstums eine strategisch günstige Gelegenheit hierzu.

Immerhin haben einige europäische Staaten wie Deutschland und Frankreich erste Schritte zum Umbau ihres Sozialstaates eingeleitet.

Das stimmt. Wichtige Weichen wurden schon gestellt, aber es muss in den Ländern noch viel mehr getan werden.

Was zum Beispiel?

Worüber ich mir am meisten Sorgen mache, ist die Lage an den Arbeitsmärkten. Die Arbeitslosenrate liegt in der Euro-Zone immer noch bei rund zehn Prozent. Das ist nicht tragbar.

Also runter mit dem Kündigungsschutz?

Richtig. Darüber hinaus könnte man in den Ländern über eine Senkung der Einkommen- sowie der Unternehmensteuern nachdenken. Auch eine Reduzierung der Mindestlöhne darf kein Tabu sein. Es gibt ein ganzes Instrumentarium, aus dem sich jedes Land sein Rezept maßschneidern kann.

Wie steht es denn im Gegenzug mit den Aussichten für die US-Konjunktur?

Da sind wir ziemlich optimistisch. Im vergangenen Jahr kam die amerikanische Wirtschaft voll in Fahrt. Wir erwarten, dass dies anhalten wird, wenngleich sich die Konjunktur im kommenden Jahr etwas abschwächen dürfte. Wir gehen aber für 2005 immer noch von einem Wachstum um die 3,5 Prozent aus – gegenüber vier bis 4,5 Prozent in diesem Jahr.

Wie stark wird der amerikanische Arbeitsmarkt von dieser Entwicklung profitieren?

In den vergangenen drei Monaten wurde rund eine Million neue Jobs geschaffen. Es ist durchaus möglich, dass wir bis Ende des Jahres zwei Millionen neue Arbeitsplätze haben werden.

Der Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, hat eine allmähliche Erhöhung der Leitzinsen angekündigt. Wird das den Aufschwung in den USA dämpfen?

Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten ist so gut in Form, dass sie das sehr leicht verkraften kann.

Werden die gestiegenen Ölpreise auf dem G8-Gipfel eine Rolle spielen?

Bei der Diskussion über die Weltwirtschaft werden auch Risiken zur Sprache kommen – und da könnte auch der Ölpreis auftauchen. Hohe Ölpreise über einen längeren Zeitraum können die globale Konjunktur bremsen. Allerdings ist die Weltwirtschaft derzeit auf Grund des robusten Wachstums besser in der Lage, dies wegzustecken.

Die Saudis sagen, der Ölpreis gerate nicht wegen des zu geringen Angebots unter Druck, sondern weil sich die Märkte um die Stabilität im Nahen Osten sorgen. Haben sie Recht?

Hier schlagen verschiedene Faktoren durch. Aber den größten Einfluss hat die starke weltweite Nachfrage.

Kristin Forbes ist Mitglied im Wirtschaftsrat von US-Präsident George W. Bush.

Die Fragen stellte Michael Backfisch.

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