Nachruf
Jelzin brachte Russen Freiheit – und Chaos

„Wähle mit dem Herzen“, lautete der Slogan zu seiner umstrittenen Wiederwahl 1996. Dabei opferte sich der schwer kranke Kremlherr so auf, dass er gleich nach der Wiederwahl mit einer dramatischen Operation am Herzen gerettet werden musste. Später gab es in seiner Autobiographie zu, dass er nur knapp mit dem Leben davon kam. Auch dass die Wahl überhaupt stattfand, glich einem Wunder. Jelzins mächtiger Leibwächter Alexander Korschakow wollte zusammen mit zentralen Figuren aus der Regierung die Wahl abblasen – wegen der aussichtslosen Umfragen für Jelzin und dessen schwer angeschlagener Gesundheit.

Anatolij Tschubais, damals Minister und heute Chef des staatlichen Strommonopolisten UES, schwang sich zu Jelzins Wahlkampfmanager auf, vereitelte Korschakows geplanten Putsch und sorgte mit einem in Russland nie dagewesenen Wahlkampf für Jelzins Sieg. Kurz vor der Wahl 1996 hatten sich Russlands tief zerstrittene Oligarchen unter Führung der Großunternehmer Boris Beresowskij und Wladimir Gussinskij am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos darauf geeinigt, gegen die drohende Wahl des KP-Chefs Gennadij Sjuganow doch Jelzin zu unterstützen. Ihre Fernsehsender taten daraufhin alles, um die „Kommunistengefahr“ zu schüren und Jelzin in einem positiven Licht zu zeigen.

Außenpolitisch wurde Jelzin von Bill Clinton ebenso umgarnt wie von Helmut Kohl. Doch auch von seinen Auslands auftritten bleiben vor allem die Ausfälle im Gedächtnis: So wie Jelzin sturzbetrunken ein Orchester in Deutschland beim Abzug der russischen Truppen dirigiert – die ganze Moskauer Intelligenzija schämt sich für ihren Präsidenten.

Ebenso betrunken tanzt Jelzin auf der Bühne auf dem Roten Platz in Moskau bei seiner Kampagne für die Wiederwahl 1996. Schon damals war er zur Marionette der Oligarchen geworden, die ihn noch für ein paar Jahre brauchten und deshalb die erste professionelle, westliche Wahlkampagne für ihn organisierten - mit durchschlagendem Erfolg.

Für viele Demokraten hatte sich Jelzin mit der Machtübergabe an Putin selbst zum Totengräber der Freiheit in Russland gemacht. Doch viele derjenigen, die mit ihm in die Politik aufbrauchen, sind noch heute aktiv. Zum Beispiel Garri Kasparow, der schon 1990 zu seinen Beratern gehörte in der "Demokratischen Partei Russlands". Oder Grigorij Jawlinskij, der damals sein Vize-Ministerpräsident war.

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