Nahe der deutschen Grenze plant die Schweiz ein Endlager für Brennstäbe
Atommüll im Weinkeller

Das Winzerörtchen Benken liegt im malerischen Hügelland an der Deutsch-Schweizer Grenze, hat 741 Einwohner, davon 38 Weinbauern. Doch die Dorf-Idylle ist in Gefahr: Keine 20 Kilometer von der deutschen Grenze könnte das erste Endlager für Atommüll in der Schweiz entstehen.

BENKEN. Das Dorf liegt im malerischen Hügelland an der Deutsch-Schweizer Grenze, hat 741 Einwohner, davon 38 Weinbauern, die den inzwischen rar gewordenen „Räuschling“ keltern, eine Spezialität im Winzerörtchen Benken bei Zürich. Dazu: ein Coiffeursalon und ein Tante-Emma-Laden . Und ein Gemeindeblatt, dessen aktuelle Ausgabe zum Armbrustschießen einlädt, die „Chrabbelgruppe“ vorstellt und darüber informiert, dass hier, keine 20 Kilometer von der deutschen und keine 100 von der österreichischen Grenze entfernt, das erste Endlager für Atommüll in der Schweiz entstehen kann.

Die Eidgenossen haben damit keine Probleme. Jedenfalls keine großen. Fünf Atommeiler hat das Land. Es könnten mehr werden, wenn, so will es das Schweizer Gesetz, der Nachweis darüber erbracht wird, das sich die ausgedienten Brennelemente sicher für die nächsten Jahrtausende lagern lassen. Ob das Lager dann auch tatsächlich gebaut wird oder ob die Energieerzeuger ihren Müll nicht doch weiter wie bisher nach Sellafield, La Hague und anderswo exportieren, ist nicht so sehr die Frage. Um den Nachweis zu erbringen, haben die Kraftwerksbetreiber und der Bund eine Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gegründet, die seit 32 Jahren nach einem geeigneten Standort sucht.

In Benken sieht es nun so aus, als sei sie fündig geworden. Probebohrungen zeigten, dass sich das Gestein dort ideal nicht nur fürs Lagern von seltenem Wein eignet. Eine Wirtschaftlichkeitsstudie ergab zudem, dass die Region, wenn das Endlager kommt, zwar einen Imageschaden erleiden würde, aber Arbeitsplätze dazugewönne. Natürlich gibt es Widerstand. Aber angesichts der soliden Schweizer Planung räumen selbst Kritiker wie Jürg Buri von der Schweizer Energiestiftung ein, dass den Kritikern „die Felle langsam davonschwimmen“. Die Pläne fürs Endlager liegen bis Dezember aus. Danach muss die Regierung in Bern entscheiden, wie es weitergeht.

Sie versucht derzeit, die Nachbarländer zu beruhigen und ihnen die komplizierte eidgenössische Sachlage nahe zu bringen, die eben darin besteht, dass man ein Lager sehr wohl planen kann, aber nicht unbedingt bauen muss. Der österreichische Vizekanzler Hubert Gorbach hat das nicht verstanden, sondern wettert mit einem grammatisch fragwürdigen Superlativ: „Ich bin striktest gegen das geplante Atommüll-Endlager.“ Österreich sei „unter Ausnutzung aller Möglichkeiten“ zum Kampf bereit. Das Bundesumweltministerium in Berlin schlug vor zwei Monaten gemäßigtere Töne an – und einen Arbeitskreis vor. Eine Kommission solle die Anliegen der deutschen Bevölkerung bündeln, das Ministerium werde sie dann gegenüber den Schweizern mit Nachdruck vertreten. Seither ruht das Thema allerdings. In Berlin hat man wohl derzeit andere Sorgen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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