Nahost
Angriff auf Christen-Gebiet im Libanon – Bewohner schockiert

Bislang war es nicht ihr Krieg: Die Christen im Libanon, die immerhin rund 42 Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben sich von den Kämpfen zwischen Israel und der radikal-schiitischen Hisbollah-Miliz nicht direkt betroffen gefühlt. Doch heute attackierte die israelische Luftwaffe erstmals massiv das Kernland der libanesischen Christen. Die Bewohner sind geschockt.

HB DSCHUNIJE. „Das hier ist doch kein Hisbollah-Land!“, schreit eine schockierte Christin, als sie die von israelischen Kampfflugzeugen zerbombte Brücke unweit ihres Hauses sieht. „Der Libanon ist nicht für die Hisbollah“, stammelt sie, als sie mitansehen muss, wie Rotkreuz-Helfer versuchen, ein unter den Trümmern verschüttetes Auto zu bergen.

Am frühen Freitagmorgen hatten israelische Kampfflugzeuge vier Brücken nördlich von Beirut zerstört. Auf die Brücke in Dschunijeh, nahe dem berühmten „Casino du Liban“, hatten sie zwei Raketen abgefeuert. Dschunijeh, eine Hafenstadt 20 Kilometer nördlich von Beirut, ist Kernland der libanesischen Christen, die sich bislang von dem Krieg zwischen Israel und der radikal-schiitischen Hisbollah- Miliz nicht direkt betroffen gefühlt hatten.

Doch immer mehr Christen wird bewusst, dass der Krieg vor ihnen nicht Halt macht, auch wenn bislang die schiitischen Vorstädte von Beirut und der Südlibanon im Mittelpunkt der israelischen Angriffe standen. „Die Israelis führen einen Vernichtungskrieg gegen den Libanon“, ereifert sich der Christ Tony Feghali, der gleichfalls nicht weit weg von der zerbombten Brücke wohnt.

Wegen des Kasinos, seinen einladenden Stränden, eleganten Hotels und Restaurants wird Dschunije von seinen Bewohnern und Gästen gerne auch „Monte Carlo“ des Libanons genannt. „Allein schon deshalb ist dies hier definitiv keine Hisbollah-Hochburg“, betont der Hotelbesitzer Joseph Semaha. „Niemand ist in diesem Land mehr sicher“, fügt er hinzu. „Das ist ein Krieg Israels gegen die libanesische Zivilbevölkerung und Infrastruktur und nicht, wie Israel behauptet, gegen die Hisbollah.“

„Wir hoffen, dass Israel gewinnt“

Die Christen stellen im Libanon rund 42 Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen forderten bislang die Zerschalgung der Hisbollah, wollten keinen Waffenstillstand, bis die schiitische Miliz geschlagen ist. „Wir hoffen, dass Israel gewinnt“, sagt Liliane Susan. Sie gehört zur Religionsgemeinschaft der maronitischen Katholiken, die fast ein Viertel der libanesischen Bevölkerung ausmachen und schon immer pro-israelisch eingestellt waren. „Wenn die Hisbollah gewinnt, wäre das das Ende für die Christen, dann wird das hier ein Land der Schiiten."

„Wir sind nicht wirklich Araber, wir sind in erster Linie Christen“, sagt auch die orthodoxe Christin Rina Nehme. Wie Susan unterstützt auch sie Israel, meint jedoch, dass sie mit dieser Meinung in Schwierigkeiten geraten könnte. Die Hisbollah bezeichnet sie als „das schlimmste Virus im Libanon“, deshalb dürfe es auch keinen schnellen Waffenstillstand geben.

Erschütternd finden es viele Christen im Libanon, dass nach gut 15 Jahren brüchigen Friedens nun ein neuer Bürgerkrieg drohe. Aber Wie sie selbst fühlten sich die meisten Menschen eher ihren religiösen und ethnischen Gruppen verbunden als ihrem Land.

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