Nahost-Konflikt
„Beide Seiten haben Hoffnung verloren“

David Grossmans neues Buch ist eine grandiose Schilderung Israels und seiner Menschen - zum ersten Mal verbindet der preisgekrönte Schriftsteller aus Jerusalem auch Privates und Politisches. Der Intellektuelle beobachtet genau und beschreibt eindrücklich den Preis, den die Menschen wegen des anhaltenden Kriegszustandes zahlen müssen.
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KÖLN. Die Zahl der Menschen, die verzweifelt sind, steigt an – auf beiden Seiten. Es hat keine Fortschritte gegeben“, sagt David Grossman. Im Gegenteil, der Gaza-Krieg vom Anfang dieses Jahres habe die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern auf den niedrigsten Punkt seit Jahren gebracht.

Seit langem schon analysiert der Schriftsteller aus Jerusalem den Nahost-Konflikt. Er hat sich immer eingemischt, mit Essays und Artikeln, besonders aber 2006 mit einer Rede am Jahrestag der Ermordung von Jitzhak Rabin. Darin forderte er den damaligen Premier Ehud Olmert auf, trotz der Terroraktionen der Hamas auf die Palästinenser zuzugehen. Doch in diesem Herbst 2009 ist er sichtbar besorgt. „Ich sage nie, dass wir in einer Sackgasse stecken, denn die Dinge können sich innerhalb von einer Minute ändern, aber die Situation ist sehr festgefahren“, sagt er beim Gespräch in Köln während einer kurzen Deutschland-Reise.

Alle Nahost-Schlagworte dieser Tage, der geplante Siedlungsbau in Ostjerusalem, die von Frust geprägte Ankündigung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, nicht mehr bei den Wahlen im nächsten Jahr anzutreten, und die permanente verbale atomare Bedrohung Israels durch Teheran sind in Grossmans neuem, grandiosem Buch zu finden, jedoch in einer ganz bestimmten, beinahe versteckten Art, die den Leser von Seite zu Seite mehr in den Bann zieht. In seinem Buch hat der 55-jährige, der zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen Israels zählt, zum ersten Mal Privates und Politisches verbunden. Der Titel ist Programm: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist die Geschichte von Ora, deren zweiter Sohn Ofer nach dem dreijährigen Militärdienst nur für ein paar Stunden nach Hause zurückkommt. Er meldet sich freiwillig zurück zu seiner Panzergruppe, und die Mutter, deren Freude über die unversehrte Rückkehr jäh in neue Angst um sein Leben umschlägt, verlässt das Haus und bricht zu einer langen Wanderung durch Galiläa auf – damit sie keiner finden kann, um ihr die Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen.

Der Nahost-Konflikt bestimmt das Leben Oras und ihrer Familie, das in Rückblenden über mehr als 20 Jahre erzählt wird. Grossman arbeitet auf zwei Ebenen: der offensichtlichen mit Schilderungen aus der Militärzeit von Oras Söhnen Adam und Ofer inklusive detaillierter Rituale, wenn die Familien zum Beispiel ihre 18-Jährigen zum Militärdienst bringen. Und er schreibt über die wie ein Substrat unter den Ereignissen liegende Ebene, in der „der Konflikt“ im täglichen Leben immer da ist. So baut sich Ofer zum Beispiel als kleiner Junge abends „kugelsichere Wälle von Stofftieren“ um sein Bett, nachdem er gelernt hat, wie viele Einwohner Israel und wie viele die anderen Staaten um es herum haben. Außerdem will er auf einmal lieber Engländer sein, „denn die Engländer bringt man nicht um, und die haben keine Feinde“.

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