Nahost-Konflikt
Gaza: Blutigster Einsatz der Geschichte

Mit Beginn der Bodenoffensive hat sich der israelische Militäreinsatz im Gazastreifen zum bislang blutigsten in der Geschichte der Palästinensergebiete entwickelt. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza starben binnen neun Tagen mindestens 520 Palästinenser, weitere 2500 wurden verletzt.

HB TEL AVIV/GAZA. Einen Tag nach dem Einmarsch Israels in den Gazastreifen kam nach Armeeangaben ein Soldat ums Leben, 31 wurden verletzt. Vier Israelis waren bereits in den Tagen zuvor durch Raketenbeschuss militanter Palästinenser getötet worden. International löste der Beginn der Bodenoffensive vor allem angesichts der humanitären Lage tiefe Besorgnis aus. Der Weltsicherheitsrat konnte sich jedoch nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Weltweit gingen Menschen gegen den israelischen Militäreinsatz auf die Straße.

Nach mehr als einwöchigen Luftangriffen waren israelische Truppen - unterstützt von Panzern und Kampfhubschraubern - am Samstagabend tief in das Palästinensergebiet vorgerückt. Sie brachten Gebiete unter ihre Kontrolle, aus denen militante Palästinenser zuvor Raketen auf Israel abgefeuert hatten. Dabei lieferten sich die Soldaten schwere Gefechte mit Kämpfern der in Gaza herrschenden radikal-islamischen Hamas. Am Sonntag gelang es den vorrückenden Einheiten nach palästinensischen und israelischen Berichten, den Gazastreifen in zwei Teile zu spalten. Dabei wurde der Norden mit der dicht besiedelten Stadt Gaza vom Süden des Palästinensergebiets abgetrennt. Nach palästinensischen Angaben starben allein seit Beginn der Bodenoffensive 50 Palästinenser. Weitere 200 seien verletzt worden.

Der amtierende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert nannte die Bodenoffensive unvermeidbar. Ziel der Armee sei es, jene Gebiete zu kontrollieren, aus denen die meisten Raketen auf Israel abgefeuert worden seien. Ein ranghoher Militär betonte, der Bodeneinsatz werde „nicht in Stunden oder Tagen enden“. Bislang gehe die Militäraktion „in einer sehr herausfordernden Umgebung“ wie geplant voran. Eine Wiedereroberung des Gazastreifens sei jedoch nicht geplant. Nach Armeeangaben schossen militante Palästinenser auch am Sonntag wieder mehr als 30 Raketen auf Israel ab.

Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) wurde die Mobilität von Helferteams im Gazastreifen mit Beginn der Bodenoffensive weiter eingeschränkt. Helfer hatten die Lage schon zuvor als katastrophal beschrieben. Ungeachtet einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes lässt Israel seit Beginn der Militäroffensive am 27. Dezember auch keine ausländischen Journalisten zur Berichterstattung in das Palästinensergebiet.

Weltweit wurde die israelische Bodenoffensive von vielen Regierungen verurteilt. Es gab aber auch Stimmen, die die radikal- islamische Hamas-Organisation allein für die Eskalation der Gewalt verantwortlich machten. Der Uno-Sicherheitsrat in New York konnte sich in einer noch in der Nacht des Einmarsches einberufenen Sondersitzung nicht auf die Forderung nach einer sofortigen Feuerpause verständigen. Eine entsprechende Erklärung wurde von den USA blockiert.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verlangte dagegen ein sofortiges Ende der israelischen Bodenoffensive und forderte die Regierung in Jerusalem auf, alles zum Schutz der Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu tun. Palästinenserführer Mahmud Abbas (Fatah) und mehrere arabische Außenminister wollen sich von diesem Montag an in New York persönlich für eine Resolution des Sicherheitsrats einsetzen.

Frankreich verurteilte das israelische Vorgehen ebenso wie die fortgesetzten Raketenangriffe der Hamas. Großbritanniens Premier Gordon Brown forderte einen sofortigen Waffenstillstand. „Das ist ein sehr gefährlicher Augenblick, jeder in der Welt ist tief besorgt“, sagte Brown in London.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich sehr besorgt. „Das rückt die Hoffnung auf eine kurzfristige Einstellung in weite Ferne“, erklärte er in Berlin. In Telefonaten mit seinen Amtskolleginnen aus Israel und den USA, Zipi Livni und Condoleezza Rice, sagte Steinmeier nach Angaben seines Ministeriums, es müsse alles getan werden, damit sich die dramatische humanitäre Situation der Menschen in Gaza nicht weiter zuspitze und dringend benötigte Hilfslieferungen sie erreichten. Die EU stellte drei Mio. Euro als Nothilfe bereit.

Die EU startete am Sonntag eine Vermittlungsmission in der Region. Der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg, EU- Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und die Außenminister Frankreichs und Schwedens, Bernard Kouchner und Carl Bildt, flogen von Prag zunächst nach Kairo, wo sie noch am Abend den ägyptischen Außenminister Ahmed Abul Gheit treffen wollten. Weitere Stationen der dreitägigen Reise sollten Israel, Ramallah und Jordanien sein. Tschechien führt seit Jahresbeginn die EU-Präsidentschaft. Auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will in dem Konflikt vermitteln.

Weltweit protestierten am Wochenende mehr als 100 000 Menschen gegen den israelischen Militäreinsatz. In den meisten Fällen hatten islamische Organisationen zu den Aktionen aufgerufen. Auch in Israel selbst gab es Demonstrationen, an denen sich vor allem israelische Araber beteiligten. In Deutschland wurden am Samstag mehr als 30 000 Demonstranten gezählt: Unter anderem in Berlin, Frankfurt am Main, Bremen und Düsseldorf kamen jeweils zwischen 4000 und 7500 Menschen zusammen.

In Istanbul riefen zehntausende Türken am Sonntag in Sprechchören „Tod für Israel“ und „Wir sind alle Palästinenser“. In Paris bekundeten nach Angaben der Veranstalter etwa 25 000 Menschen ihre Solidarität mit den Palästinensern. Nach der Kundgebung kam es zu Krawallen. In Großbritannien versammelten sich in rund 20 Städten ebenfalls deutlich mehr als 10 000 Menschen zu Protestaktionen. In London bewarfen Demonstranten den Regierungssitz mit Hunderten von Schuhen. Weitere Kundgebungen in Europa gab es in Italien, Spanien, den Niederlanden und Griechenland.

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